24. November 2022

Täglich Zeichnen!! *mit der Illustratorin Tine Anas*


 

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Diese Podcast-Folge ist eine eingeschobene Episode und heute fliegt virtuelles Konfetti im Portfolio-Podcast herum. Denn es gibt zwei gute Gründe zum Feiern und Jubeln!! ...
 

Grund #1: Mein zweites Skizzenbuch ist voll!

Am 15.11.2022 ist es passiert: Mein zweites Skizenbuch ist vollgezeichnet bis zur letzten Seite.

Dazu musst du wissen, dass ich in meinem Illustratorinnen- und Designerinnen-Leben natürlich immer mal wieder Skizzenbücher hatte, aber bis vor zwei Jahren ist es mir einfach nie gelungen, eins voll zu zeichnen. Meistens hab ich vorne ganz engagiert und optimistisch begonnen und spätestens in der Mitte ist mir die Lust am Skizzieren vergangen und ich hab das Buch ins Regal gestellt – und nie wieder in die Hand genommen. Dort hat sich das halb gefüllte Skizzenbuch dann mit den vielen anderen halbgefüllten Skizzenbüchern mit seinem Schicksal arrangiert – und allesamt wohnen sie jetzt in einer eingestaubten Archiv-Kiste in meinem Abstellraum.

Von meinen Freund*innen und Kolleg*innen weiß ich, dass ich mit dieser Skizzenbuch-Blockade nicht allein war. Vielen Kreativen geht das ganz genauso. Darüber habe ich schon einmal mit dem Illustrator und Skizzenbuch-Experten Felix Scheinberger in der Portfolio-Podcast-Folge »#24 | Mehr Mut zum Skizzenbuch« gesprochen. Dort stelle ich dir auch 5 Strategien vor, wie es einfacher wird, eine tägliche Skizzenbuchpraxis zu etablieren. Hör doch mal rein.

Doch eigentlich geht es bei diesem Jubiläum gar nicht um die reine Anzahl an gefüllten Seiten. Vielmehr möchte ich feiern, dass ich schon seit mehr als zweieinhalb Jahren eine täglich Zeichenroutine habe. Und diese habe ich jemanden zu verdanken – meiner Freundin Tine Anas. Und Tine ist heute Gast im Portfolio-Podcast und somit Grund #2 zum Feiern.

 

Grund #2: Meine Freundin Tine Anas!

Denn das jetzt schon über zweieinhalb Jahre andauernde täglichen Skizzieren habe ich nur mit Tine geschafft. Sie hat mich damals überzeugt, als Verbindlichkeitsbuddies zusammen jeden Tag eine hässliche Zeichnung zu zeichnen. Der Clou dabei: Die Zeichnung darf nicht nur, nein, sie soll sogar explizit hässlich sein. Und damit Verbindlichkeit entsteht, gehört zur Aufgabe eben auch dazu, Tine eine Nachricht mit der hässlichen Zeichnung zu schicken. Und sie schickt mir ihre. Damit haben wir am 22. März 2020 begonnen – und machen das heute immer noch.
 

Hier eine kleine Randnotiz.

Tines erste Zeichnung am 22. März 2020 war eine visuelle Notiz, dass sie unbedingt Haare schneiden muss (»muss« war unterstrichen, die Zeichnung zeigte das Ausmaß der Dringlichkeit) ... und meine erste hässliche Zeichnung zeigt den Blick aus meinem Fenster auf die Werkstatt des Hauses, in dem ich damals wohnte. Und diese Zeichnung ist im Skizzenbuch auch genau so betitelt ist: »hässliche Werkstatt«.
 

Warum eigentlich eine hässliche Zeichnung?

Vielleicht fragst du dich ja jetzt, warum wir damals beschlossen hatten, explizit eine hässliche Zeichnungen zu machen. Auf diese Weise wollten wir unseren Perfektionismus austricksen. Denn das Ziel war eben nicht die supertolle Zeichnung, die man vielleicht von zwei professionellen Illustrator*innen erwarten würde. Nein! Es durfte, nein, sollte sogar besonders hässlich werden.

So wurde die tägliche Skizzenroutine einerseits niedrigschwelliger – und das hilft beim Dranbleiben.
 

Weniger Perfektionismus!!

Außerdem war uns beiden im Gespräch davor aufgefallen, dass die Angst vor der hässlichen Zeichnung eigentlich unsere größte Bremse beim Zeichnen war.

Und das ist ja so ein typischer Mechanismus im kultivierten Perfektionismus. Bevor man scheitert, fängt man gar nicht erst an. ... Oder schiebt es Ewigkeiten vor sich her, bevor irgendwann der Zeitdruck größer wird als die Scheiterangst ... und weil diese Scheiterangst bei Perfektionistas oft sehr groß ist, entsteht durch dieses Muster oft ein immenser Stress und Zeitdruck.

Tine und ich wollten raus aus der Perfektionismus-Falle und deshalb wollten wir also täglich das Scheitern üben – und das nicht allein im stillen Kämmerlein, sondern mit einer Zeugin, die unser Scheitern jeden Tag sieht. So müssen wir beide aushalten, dass das Scheitern nicht mehr heimlich und hinter verschlossenen Türen passiert.
 

Sind die Zeichnungen wirklich so hässlich?

Und hier schon einmal kurz eingeschoben: Darüber sprechen wir auch nachher im Interview noch einmal im Detail. So hässlich sind die Zeichnungen gar nicht. Denn: Surprise, Surprise – wir scheitern gar nicht jeden Tag. Nur ab und an.

Tine und ich haben uns also selbst eine Expositions- bzw. Konfrontationstherapie verordnet und konnten uns auf diese Weise unseren Scheiterängsten stellen und die perfektionistischen Denkmuster Schritt für Schritt und Zeichnung für Zeichnung umprogrammieren.
 

Was haben wir noch gelernt?

Im Interview lassen Tine und ich noch einmal zwei Jahre Revue passieren und dabei erforschen wir auch, was sich verändert hat, was neu dazu gekommen ist und wie es weitergeht. Und eins ist jetzt schon klar, wir hören nicht auf! Macht euch also jetzt bereit für die einzige, die wahre und die beste »Hässliche Zeichnungen«-Partnerin überhaupt ... Bühne frei für Tine im Portfolio-Podcast!!

 

Links zu Tine Anas

Tine auf Instagram: @tiny.antics
Tines Webseite
 
Transkript des Interviews aus dem Portfolio-Podcast #42
- - -
Franziska
Herzlich Willkommen, liebes Tinchen!

Tine
Hallo liebe Fu! Danke für die Einladung.

Franziska
Wie schön, dass du da bist. Wir wollen ja heute über Skizzenbücher sprechen und darüber, wie das eigentlich alles angefangen hat. Ich jetzt diese Woche mein zweites Skizzenbuch voll gezeichnet habe, war ich so happy darüber. Es hat mich so glücklich gemacht. Und dann ist mir bewusst geworden, wie schwer das für mich war, als wir angefangen haben. Vielleicht können wir ja mal so eine Zeitreise zurück machen, weil ich erinnere mich gar nicht mehr so richtig, wie das war [als wir mit den hässlichen Zeichnungen begonnen haben]. Ich weiß ehrlich gesagt nicht mehr so genau, wie das eigentlich zustande gekommen ist. Kannst du dich erinnern?

Tine
Ich weiß noch, dass ich in irgendeiner Phase war, wo ich ein bisschen blockiert war. Es war ein Uni-Projekt und ich bin überhaupt nicht aus dem Quark gekommen und war richtig maulig und war mit einer Freundin spazieren. Mit Lena. Hallo Lena, falls du das hörst. Und wir haben über Perfektionismus gesprochen und über den eigenen Anspruch – und ich kam nicht weiter in meinen Uni-Projekten – weil ich auch immer so Angst hatte anzufangen – und dann meinte Lena zu mir: »Mach doch mal einfach extra hässlich! Mach doch mal eine Zeichnung, die extra hässlich ist«. Und ich war völlig erbost. Was? Nein, alles, was ich mache, soll große Kunst sein und dass muss ich doch gleich im Uni-Kurs zeigen können. Also ich habe das erst mal so von mir gewiesen. Und das ist aber dann hängengeblieben und ich weiß nicht wieso, aber wir beide haben dann immer darüber gesprochen. Und ich weiß auch nicht, wo die Idee herkommt mit dem »jeden Tag und Skizzenbuch« und so. Aber das hat sich, glaube ich dann relativ schnell so zurechtgerückt. Es ist auch schon ein bisschen her. Ich weiß es echt nicht mehr. Aber dann haben wir einfach gesagt, wir schicken uns das jeden Tag.

Franziska
Jeden Tag eine hässliche Zeichnung. Und ich weiß noch, wie schwer mir das am Anfang gefallen ist. Es war jeden Tag eine Überwindung und ich habe ja auch – ich hab auch noch einmal in meinem ersten Skizzenbuch geschaut – neben jeder Zeichnung hässlich geschrieben.

Tine
Ja, immer mit so einem Pfeil – hässlich. Falls ich es nicht mitkriege 🙂

Franziska
Ich hatte das Gefühl, dass dir das tägliche Zeichnen deutlich leichter gefallen ist als mir. Und das hat mir auf eine gewisse Weise Mut gemacht. Aber es hat trotzdem extrem lange gedauert, bis es angefangen hat, mir Spaß zu machen. Bestimmt mindestens ein halbes Jahr. Es war bestimmt ein halbes Jahr pure Qual. Jeden Tag. Und ich hätte das einfach ohne dich nicht durchgehalten. Ich wäre durch dieses Tal der Tränen nicht durchgegangen, wenn wir nicht diesen Deal gehabt hätten, dass wir uns jeden Tag eine hässliche Zeichnung schicken. Ich hätte einfach aufgehört. Und ich hatte ja natürlich schon diverse Skizzenbücher. Aber ich habe vorher immer aufgehört. Mittendrin im Tal der Tränen und habe dann einfach aufgehört zu zeichnen und die Skizzenbücher in meinem Bücherregal geschoben und dann nie wieder angefasst. Und jetzt ist schon das zweite voll.

Tine
Yeah!! Aber kannst du sagen, warum es für dich so schlimm war.

Franziska
Hmmm. Ich glaube ähnlich wie du. Ich hatte halt auch so einen Anspruch, dass wenn ich denn mal zeichne, dann muss es halt möglichst gut sein, weil: ich bin ja Illustratorin, da kann es ja nicht sein, dass ich mich hinsetze und irgendwas total banales zeichne oder halt auch einfach was Hässliches. Es war einfach ganz schlimm Perfektionismus in Reinform. Und da haben wir ja auch schon mal kurz drüber gesprochen, aber ich habe anfangs mit so einem sehr hohen Anspruch gestartet, dass ich gut zeichnen wollte und auch inhaltlich irgendwie was wertvolles zeichnen wollte – und das dann mit der Zeit und der täglichen Übung auch einfach die Freude kam, nicht-inhaltlich wertvolle Sachen zu zeichnen, sondern einfach nur entweder total banale Sachen oder eben auch einfach total alberne Sachen oder ja, hässliche Sachen. Ich zeichne ja ganz oft so tagebuchartig, was ich gerade so an dem Tag gemacht habe. Auch gern so total banale Situationen.

Tine
In Mäuse-Form!!

Franziska
Genau. In Mäuseform. Meine Alter-Ego-Maus fährt dann durch den Nebel im Auto. Aber das macht mich total froh und der Anspruch ist jetzt ein ganz anderer. Ich zeichne ja gerne auch mit einem ganz dicken Pinsel, damit bin ich super grob motorisch. Deswegen haben die Mäuse manchmal auch echt so viel zu kurze, viel zu lange Arme. Aber das stört mich überhaupt nicht mehr. Das hätte mich am Anfang total gestört, da wäre ich wahrscheinlich fast gestorben mit solchen Ungenauigkeiten.

Tine
Ja. Also ich habe auch noch mal drüber nachgedacht. Du kannst ja auch mal erzählen wie du das bei mir wahrnimmst. Aber ich sehe bei dir auch eine krasse Entwicklung. Allein, dass du jetzt mal so einen dicken Stift nimmst oder auch mal so eine Doppelseite machst. Total crazy ;-), eine Doppelseite für eine Zeichnung!! Oder auch diese Magic-Stifte, die ich dir mal geschenkt habe, diese Stifte, die die die Farbe wechseln. Das hättest du dir alleine gar nicht ausgesucht. Und dann wünsche ich mir mal ein Einhorn von dir – mit Magic gezeichnet – und dann machst du das. Und ich freu mich immer so und ich habe auch das Gefühl, dass bei uns beiden alles viel lockerer geworden ist, dass der Strich viel sicherer geworden ist. Und kann da eine richtige Entwicklung sehen.

Franziska
Total. Das geht mir bei dir genauso. Also ich sehe bei dir auch eine totale Entwicklung. Ich mag ja vor allen Dingen deine Buntstiftsachen total gerne. Ich bin totaler Fan von diesen Konturen-Buntstiftzeichnung von dir, von den Hunden im Bikini und Zebras, die Skateboard fahren ... oder ich glaube, Lamas waren's ... Und ich habe das Gefühl, dass du dich da auch selbst so in deiner eigenen zeichnerischen Ausdruckskraft ... Oder wie nennt man das? ... Visuelle Stimme ... sicherer geworden bist.

Tine
Ja, auf jeden Fall. Das sehe ich aber auch so. Wenn ich zurück blättere in die ersten Skizzenbücher – ich bin jetzt gerade im fünften – die sind auch wirklich hässlich. Also ich finde sie hässlich – die sind unsicher! Man merkt richtig, ich habe gezögert beim Zeichnen oder ich habe das schon bewertet beim Zeichnen und da ist mir schon direkt der Stift eingefroren. Und jetzt ist es viel, viel, viel lockerer. Du hast das eben auch schon so schön gesagt mit dem, das du dir das erlaubt hast. Und das ist bei mir, glaube ich, auch so. Ich habe mir erlaubt, dass es albern sein darf und einfach auch mal nichtssagend sein darf. Und wenn ich irgendwie gerade eine Phase habe, wo ich so Nagetiere auf zwei Rädern machen möchte eine Woche lang, dann ist das völlig in Ordnung. Auch wenn ich dafür jetzt keinen Preis gewinnen werde oder so. Aber du hattest doch auch mal so eine Phase mit Vögel auf Sitzmöbeln oder so ... wir haben da so Perioden 🙂 das find ich super!! Und ich weiß noch, mir haben im Studium mehrere Profs gesagt, als ich mal was ganz anderes ausprobiert habe und so ein bisschen was, was mir so Richtung Kinderbuch ging: »Ja! Finden wir gut, aber deine ernsten Sachen sind stärker!« Und das haben mir mehrere Leute gesagt, auch Verleger und so. Ich war dann so: »Scheiße, okay, das ist nichts wert, bzw. das ist nicht so wertig, wie die anderen Sachen, bei denen ich mir da einen abgefrickelt habe und die super poetisch, melancholisch und in Pastelltönen sind. Und ich habe jetzt aber eben auch gemerkt, dass die schnelle Zeichnungen auch einen Wert haben. Das macht Menschen Freude. Mir macht das total Freude. Und das ist ja bei dir auch so, dass alle Zeichnungen, die ich gemacht habe ihren Weg in andere Projekte finden. Eigentlich habe ich das nur für mich oder für uns gemacht in diesem Skizzenbuch – aber da entsteht ganz viel. Da entstehen Figuren, da entstehen Geschichten und es ist eine richtig tolle Fundgrube für mich, wenn ich gerade gar nicht inspiriert, dann kann ich mal die alten Skizzenbücher durchblättern und denke dann oft: Aha, kuck mal, da hast du das gemacht und dann findet die Zeichnungen seinen Weg in ein Buchprojekt oder so. Das ist richtig klasse.

Franziska
Ja, das finde ich auch total erstaunlich, weil das hätte ich anfangs nicht gedacht, dass das passiert. Also bei dir passiert das ja im Moment sogar ziemlich oft, dass so Dinge aus dem Skizzenbuch auf einmal auch in deiner professionellen Arbeit auftauchen. Das ist irgendwie total schön, wenn man das sieht, dass die dann auf einmal auch weiterleben.

Tine
Ja. Die springen da raus, aus dem Skizzenbuch ...

Franziska
Genau. Was mich wirklich überrascht, ist, dass diese schnellen Fünf-Minuten-Zeichnung so wertvoll sind. Der Anspruch ist eine hässliche Zeichnung und es darf auch mal zehn Minuten dauern, aber es soll eigentlich ganz, ganz schnell gehen. Und obwohl dieser Zeitaufwand so gering ist und es am Ende jedes Mal eine sehr, sehr schnelle Zeichnung ist, hat die Zeichnung dann eben doch auch ihren Wert und schafft es zum Beispiel in Projekte oder in den nächsten Auftrag. Und das hätte ich nie für möglich gehalten. Ich habe immer gedacht, dass ich mich für gute Idee an meinen Schreibtisch setzen muss und meine Stirn runzeln und ich muss mich ungefähr mindestens eine Stunde ganz schlimm anstrengen, um eine gute Idee zu haben. Und das überrascht mich, was für ein Wert diese kurze tägliche Routine hat und was dabei auch entsteht.

Tine
Aber wahrscheinlich gerade, weil wir einfach machen und nicht werten und die Zeichnung einfach rauskommen darf. Und sonst hätten wir es vielleicht zerdacht, wenn wir da ganz ernst in vernünftigen Hosen am Schreibtisch sitzen. Und jetzt darf einfach irgendwas kommen. Und das hat eine Leichtigkeit vielleicht, die sonst nicht entstanden wäre.

Franziska
Hm, ich habe es ja vorhin schon gesagt, ich zeichne ja oft ein visuelles Tagebuch. Und auch wenn du ja üblicherweise keine offensichtlichen Ereignisse zeichnest aus deinem Leben. Wie ist das denn für dich, wenn du so in deine Skizzenbücher schaust?

Tine
Also für mich hat das auch so was von Tagebuch. Also auch wenn ich vielleicht nicht zeichne, was ich gemacht habe. Aber ich sehe an der Zeichnung wie es mir ging an dem Tag und ich kann mich erinnern. Also es ist irgendwie auch so ein schönes Zeitdokument oder ein Stimmungsstagebuch. Oder ganz oft – und das finde ich auch super spannend – zeichne ich irgendwas, ohne darüber nachzudenken und ich schick dir das und dann schreibst du zurück, bist du wütend? Und ich denke dann, hmm, habe ich noch gar nicht drüber nachgedacht. Komisch, stimmt. Und dann komme ich dadurch irgendwie einem Gefühl auf die Spur, das ich vorher gar nicht wahrgenommen habe, aber in der Zeichnung durfte es irgendwie raus, weil ich eben nicht nachgedacht habe und nicht bewertet habe und einfach gemacht habe. Und das sehe ich dann. Wenn ich zurück blättere, kann ich sehen, wie es mir an dem Tag ging. Und das finde ich total schön.

Franziska
Ja, das geht mir aber auch so, ich erwische mich manchmal dabei, wie ich so durch mein zweites und mein erstes Skizzenbuch so durchblättere und mich erinnere. Also ich mache das nicht jeden Tag, aber ab und an halt. Und ja genau ist es ein Zeitdokument, es ist eine Art von Tagebuchschreiben, Tagebuchzeichnen. Also auch wenn man sozusagen Lamas auf Skateboards zeichnet, also auch ohne zu zeichnen, was passiert ist, bleibt ja trotz alledem, wahrscheinlich weil Zeichnen auch so Emotionen bindet. Ich finde das ja auch so absurd, dass wenn ich meine Aufträge angucke, kann ich mich ganz oft erinnern, was ich nebenbei, während ich das gezeichnet habe, gehört habe [Hörbücher und Podcast]. Ich glaube, so funktioniert das beim Zeichnen. Verschiedene Sinne werden verbunden. Deswegen kann ich auch diese Emotionen dann besser abrufen.

Tine
Ja, genau! Und vielleicht noch mal ganz kurz, weil wir sagen ja auch immer hässliche Zeichnungen, in Anführungsstrichen. Und oft sagen dann andere: Nein, aber die sind doch überhaupt nicht hässlich.Aber darum geht es ja auch nicht. Wir wissen das auch. Davon abgesehen sollen die mal mein erstes Skizzenbuch angucken, das ist ziemlich hässlich. Zeige ich natürlich niemandem. Nur du hast das gesehen! 🙂 Aber darum geht es nicht, sondern das heißt einfach nur: Das ist voll okay, wenn die hässlich sind, die dürfen hässlich sein. Manchmal schicken wir uns dann das und schreiben dann dazu. »Ja, heute ist es wirklich hässlich«. Und davon abgesehen, dass die andere Person es meistens nicht hässlich findet. Aber: Ja, selbst wenn, ist die Aufgabe ja erfüllt, weil die Aufgabe war ja: Mach eine hässliche Zeichnung oder mach eine Zeichnung, die hässlich sein darf!! Und wenn sie hässlich ist, kann du ja trotzdem dein Häkchen gedanklich machen. Und du hast dann deinen Job erfüllt? Und deswegen: Ich finde das total befreiend, das auch so zu nennen? Und das ist überhaupt nicht abwertend gemeint. Oft denken die Leute: Warum wertest du deine Zeichnungen und eure Zeichnungen so ab, indem du sagst »hässliche Zeichnung«? So ist das gar nicht gemeint. Für mich hat das was sehr Befreiendes.

Franziska
Das ist gut, dass du das sagst. Das geht mir ganz genauso. Ich empfinde es auch als Befreiungsschlag. Das erleichtert mich total und entlastet mich total. Und klar, die Perspektive auf meine eigenen Sachen hat sich verändert. Anfangs fand ich alles echt, wirklich schlimm hässlich. Und jetzt mag ich meine Zeichnungen ganz oft total gerne. Selbst wenn sie so ein bisschen vor den Baum gegangen sind finde ich das gar nicht mehr schlimm. Was für mich auch noch so ein Aspekt ist, der mich echt überrascht hat, und das ist wahrscheinlich auch erst jetzt, so nach zwei Jahren möglich, darüber nachzudenken und das zu reflektieren, ist, dass ich jetzt gemerkt habe, das Mini-Unterbrechungen nicht schlimm sind. Wir hatten ja beide auch schon mal so Phasen, wo wir auch mal vielleicht nicht ganz so engagiert waren. Und es war super hilfreich, wenn dann die andere Person engagiert war, damit es nicht abbricht. Aber das gab ja bei uns beiden mal. Und es tat gut, erstens zu merken, dass es auch nicht schlimm ist. Aber ich habe mich jetzt paar Mal dabei beobachtet, wie ich, auch wenn ich keine Lust hatte zu zeichnen, dann eben doch mich abends noch mal hingesetzt habe, weil da der Gedanke da war: Ich bin Zeichnerin, ich mache das jetzt! Mein Selbstbild hat sich verändert. Am Anfang war mein Selbstbild: Ich bin die, die es niemals schafft, ein Skizzenbuch voll zu zeichnen. Und jetzt bin ich jemand, der jeden Tag zeichnet. Und das Selbstbild ist noch nicht mal gefährdet, wenn ich auch mal zwei Tage nicht zeichne, weil das Selbstbild so fest verankert ist in mir, dass ich mich damit identifiziere und das tut mir total gut. Das finde ich total schön. Wie geht es dir denn damit?

Tine
Ja, das ist ja voll die schöne Entwicklung, finde ich. Das kann ich total nachvollziehen. Ich habe ja vor unseren hässlichen Zeichnungen auch nicht jeden Tag gezeichnet. Also ich habe schon Skizzenbücher voll gemacht, aber ich war auch nie eine Person, die jeden Tag gezeichnet hat. Und wenn ich gezeichnet habe, habe ich für ein Uni-Projekt oder irgendwas gezeichnet, das hatte dann einen übergeordneten Sinn und hat irgendwo hingeführt. Aber dass ich einfach nur für mich zeichne und irgendwie Blödsinn zeichnen darf und wenn ich Bock habe auf eine Katze im Bikini mit Wackelpudding auf der Hand, dann kann ich das einfach machen. Einfach weil ich Bock drauf habe. Das fand ich toll und das habe ich vorher halt auch nicht wirklich gemacht. Also ich habe manchmal eine Folge 3-Fragezeichen angemacht und hab mir dann so einen A3-Block geholt und dürfte dann auch die ganze Folge auch ganz viel Quatsch da drauf zeichnen. Das war auch immer ganz befreiend. Das ist auch eine gute Übung, wenn jemand nicht Lust hat, es jeden Tag zu machen. Und das fand ich halt richtig lustig und habe mich dann immer gefreut: Hihi Brüste und Haha ein Einhorn und so. Das fand ich total gut und da habe ich dann irgendwann aufgehört. Und jetzt ist es auch so, ich habe auch ganz oft keine Lust, aber dann schickst du was und dann denke ich so: Nagut! Und manchmal ist es ja auch so, das haben wir, glaube ich, auch beide gehabt, dass wir so Phasen hatten, wo wir voll unmotiviert waren. Oder ich hatte auch öfter das Gefühl, ich zeichne immer das Gleiche und dann haben wir immer Wege gefunden, das zu lösen, zum Beispiel, indem wir gesagt haben: Okay, dann machen wir jetzt mal eine Woche lang nur Selbstporträts. Oder wir zeichnen eine Woche lang nur das, was in unserer Wohnung rumliegt und was wir mit unseren Augen sehen können. Oder wir hatten auch ... Das fand ich eigentlich auch ziemlich gut, aber es wurde auch ziemlich anstrengend. Wir hatten ja so eine ziemlich lange Zeit, wo wir uns jeweils morgens ein Wort geschickt haben und dann mussten wir bis abends eine Zeichnung machen, wo beide Worte drin sind. Das hat halt zu den absurdesten Sachen geführt. Ich fand die auch immer noch richtig cool. Weil ich hätte mir das so nicht ausgedacht. Aber das hat ja auch ganz viel weitergeführt. Und ich habe gerade zum Beispiel zum Zweiten Mal, weil ich schon wieder dachte, ich mach immer das Gleiche, mir Prompt-Listen von Instagram-Inktober-Challenges genommen und habe halt einfach dieses Wort, was es da für den Tag gab, genommen und dann dazu dann immer was gezeichnet. Und nicht, um das bei Instagram zu posten, sondern einfach nur für mich, damit ich mal auf neue Gedanken komme. Und viele von den Sachen sind letztendlich dann auch woanders gelandet und ohne diese Vorgaben wäre ich auch nicht drauf gekommen. Also: es lohnt sich auch, das jetzt mal so ein bisschen aufzupeppen, wenn man das Gefühl hat, dass man sich da so ein bisschen ideentechnisch im Kreis dreht, dass man sich auch mal ein bisschen gegenseitig herausfordert und sagt jetzt komm, wir machen mal eine Woche das. Ich weiß nicht, wie es dir damit ging, aber mir das total Spaß gemacht. Auch wenn es am Ende echt anstrengend war mit diesen zwei Worten.

Franziska
Das was es wirklich.

Tine
Aber es war auch lustig?

Franziska
Es war total lustig!! Und ich mag die Sachen total gerne. Also, rein von der Ideensammlung, die dadurch entstanden ist. Da ist echt so pures Gold dabei. Ich blättere öfters mal durch diesen Teil des Skizzenbuch und es ist einfach so gut und so lustig und so absurd. Aber die Logistik des Ganzen war irgendwann so ein bisschen anstrengend.

Tine
Ja, wenn es eine von uns das mal vergessen hatte, dann saß die andere so mit scharrenden Hufen: Schick endlich dein Wort!!

Franziska
Ja, es ist gut, dass du das sagst, weil ich glaube, es ist normal, dass es immer mal wieder so Phasen gibt, die vielleicht auch so ein bisschen träge und zäh sind. Und es ist total in Ordnung, da auch sozusagen Überbrückungsmöglichkeiten zu suchen, wie zum Beispiel zu sagen, wir zeichnen jetzt eine Woche lang nur Portraits. Das ist am einfachsten. Wir sind ja da, so im Spiegel, und da muss man nicht drüber nachdenken und kann den Haken machen, wenn man da schnell ein schnelles Selbstportrait zeichnet.

Tine
Ja, ich glaube, es ist wichtig, da auch so ein bisschen längerfristig zu denken, was kann ich tun, damit mir das nicht langweilig wird? Weil ich meine, ich weiß nicht, wie es dir geht, aber ich gedenke nicht, in naher Zukunft damit aufzuhören. Und von daher ist es ja nur gut, wenn wir uns öfter mal was Neues einfallen lassen.

Franziska
Ja, das stimmt. Und gut, dass du das gesagt hast. Ich gedenke auch nicht, damit aufzuhören. 🙂

Tine
Wir spammen uns jetzt einfach bis zum Lebensende damit zu, das find ich gut.

Franziska
Das ist auch einfach so schön, das mit dir zusammen zu machen. Das verbindet auf eine ganz besondere Art und Weise. Und ich bin so froh, dass wir den Weg zusammen gegangen sind und du hast mir auch so dabei geholfen, da so aus meinem eigenen Perfektionismus-Tal-der-Tränen herauszukommen. Und ich mag das total gern, abends deine Zeichnung zu bekommen. Es macht mich froh und ist einfach total schön, wenn es dann auf einmal Pling macht und Tines Zeichnung da ist.

Tine
Ja, das geht mir auch so. Und ich finde es auch so schön, weil ich weiß auch genau, dass du das auch nicht bewertest. Und selbst wenn ich die Zeichnung irgendwie kacke finde, vielleicht findest du sie ja auch kacke, aber das ist ja auch völlig ok. Ich glaube, dass wir meistens wahrscheinlich sogar die Sachen von anderen Personen noch besser finden, wenn wir gerade ganz unglücklich sind. Und die andere Person freut sich aber richtig doll darüber. Also ich weiß ja, das ist völlig okay. Am Anfang ging mir das halt auch so, dass ich wirklich dachte, also kann ich jetzt auf absenden drücken, weil es ist ja richtig schäbig. Und dann hast du aber so einen Smiley zurückgeschickt oder dann war es ja auch wieder. Das ist für mich auch so ein sicherer Raum, um auch so neue Sachen auszuprobieren, weil ich weiß, das halten wir zusammen aus, auch wenn es nach hinten losgeht. So, ich kann auch mal eine neue Technik probieren oder mal anderen Stift nehmen, den sonst nicht benutzt hätte. Es kann ja eigentlich gar nichts passieren. Im Zweifel haben wir was zu lachen und das entlastet mich total. Und das ist unglaublich befreiend, dass ich weiß, das wird hier überhaupt nicht bewertet. Das fühlt sich sehr sicher an für mich.

Franziska
Ja, das ist schön, das freut mich total. Und mir geht es ganz genauso. Und ich merke, wenn ich so zurück überlege, wie das damals war. Ich glaube, es war eine der größten Hürden für mich, das auszuhalten. Nicht nur, dass ich eine hässliche Zeichnung mache, sondern dass eine zweite Person, ein zweiter Mensch sozusagen Zeuge oder Zeugin oder Zeug*in wird von meiner hässlichen Zeichnung. Es ist auf einmal nicht mehr geheim. Ich bin nicht mehr die Einzige, die weiß, dass ich manchmal echt hässliche Zeichnungen mache? Aber das war gleichzeitig so entlastend und hat auch diesen sicheren Raum geschaffen. Es war so ein Versuchslabor, in dem alles möglich ist und wo ganz viel Wohlwollen herrscht. Und ich hätte nie im Leben mit diesen Magic Stift angefangen.

Tine
Neee. Natürlich!! Ich wusste genau, dass du die Krise kriegst, wenn ich dir so drei von diesen Magic Stiften schicke. »Scheiße, jetzt muss ich damit zeichnen, es ist so bunt!« Und deswegen habe ich es auch gemacht. Ich wollte dich ärgern. 😉 Und ich finde es einfach so schön, auch wie du den einsetzt. Na, du machst du die Zeichnung mit diesem fetten Brush-Pen und dann machst du aber so Akzente mit diesem Magic Stift. Das sieht doch richtig klasse aus. Das macht einfach voll gute Laune.

Franziska
Ich mag die jetzt auch total gerne, das hätte ich nie für möglich gehalten, aber ich find die Magic Stifte total gut. Aber ich weiß noch, als du sie mir geschickt hat, habe ich echt so die Stirn gerunzelt und gedacht: Oh mein Gott. Und damit soll ich jetzt Einhörner zeichnen? 😀

Tine
Ja. Und ich meine, dann hast du das Land verlassen? Und es ist ja auch einfach eine schöne Möglichkeit, in Verbindung zu bleiben. Also das wären wir auch so, aber selbst wenn wir uns keine Sprachnachricht an dem Tag schicken oder so haben wir durch die Zeichnung zumindest ein Bild und wissen, was die andere Person getrieben hat oder wie die andere Person sich gerade fühlt. Und das ist total gut.

Franziska
Das stimmt. Hmmm. Voll gut. Vielleicht ist das ein gutes Schlusswort. Das ist ein gutes Schlusswort. Ich danke dir ganz doll dafür, dass du hier warst. Und danke, Tine.

Tine
Gerne. Ich hab mich gefreut, dass du gefragt hast. Und bis heute Abend bei der nächsten Zeichnung.

Franziska
Bis dann, liebes Tinchen! 🙂

 

Hier noch einmal ein großes Danke an Tine, für zweieinhalb Jahre gemeinsames Skizzieren und zweieinhalb Jahre gemeinsames Untertsützen. Auf die nächsten zweieinhalb Jahre!!

Aber jetzt mal die Frage an dich: Wie ist denn dein Verhältnis zum Skizzenbuch? Hast du eine Skizzenbuch-Routine? Und wenn nein, was hindert dich daran??
Teile deine Erfahrungen gern unter dem Podcast, hier direkt unter dem Blogartikel oder auf Instagram.

Und damit wünsche ich dir alles Liebe.
Wir hören uns wieder nächste Woche, bis dahin, Franziska
 

Darf ich dich heute um einen Gefallen bitten?

Für den Verkauf von Büchern sind gute Bewertungen enorm wichtig. Wenn du mein Buch »Die gute Mappe« schon gelesen hast und es dir gefällt, hilfst du mir sehr mit einer Rezension auf Amazon und Co. Du kannst sogar eine Bewertung hinterlassen, wenn du das Buch in einem anderen Buchladen gekauft hast (was ich begrüße). Sharing is caring! Danke dafür! Und auch ein ❤️ und ein Danke an die, die schon eine Rezension geschrieben haben.

 
Hast du noch mehr Portfolio-Fragen? Schreib mir gern, dann nehme ich diese gern in den kommenden Blogposts auf. Liebe Grüße, Franziska

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Franziska Walther, Sehenistgold®
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