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Höher, schneller, weiter. Meine heutige Interviewgästin Heike Haas kann das. Denn Heike ist Macherin. Doch dann passiert etwas in Heikes Leben, was alles verändert. Die Definition von Erfolg. Den Fokus auf das, was wichtig ist. Die Perspektive auf Wachstum. Was das war, erzählt dir Heike gleich selbst.
Heute sprechen Heike Haas und ich darüber, was hilft, wenn private Umbrüche das berufliche Leben verändern. Heike erzählt dir auch, wie sie einen Auftrag für Workshops mit 200 Manager*innen weltweit bekommen hat – und warum sie das heute nicht mehr macht, selbst wenn das wirtschaftlich der Knaller war. Du erfährst auch, wie Heike ihre Herzensprojekte realisiert, und wie wirtschaftliche Fragen hier mit reinspielen. Und zu guter Letzt hörst du auch viel über Graphic Recording und was es heute braucht, wenn du auf diesem wirtschaftlich interessanten Markt noch starten möchtest. Let’s go!
Hier erfährst du, wie du mit deiner kreativen Arbeit mehr Aufträge akquirierst – aber eben auch wie du dafür sorgst, dass dein Herz weiterhin für deine kreative Arbeit brennt – auch mit dem ganzen Brimbamborium, den der Berufsalltag einer Selbstständigkeit so mit sich bringt.
Ich bin Franziska Walther, selbst Illustratorin, Designerin, Autorin – und Expertin für Positionierung und Akquise in der Kreativwirtschaft und ich unterstütze seit über 10 Jahren Menschen dabei, sich nachhaltig zu positionieren und wirksame Akquise zu machen.
Und jetzt geht’s los mit dem Interview.

[Transkript des Interviews mit Heike Haas]
Heikes Website: www.atelierhaas.de
Heikes Lyrik auf Instagram: @waschatelier
Heikes Flipchart- und Figurenzeichnen-Expertise auf Instagram: @figurenausderhuefte
Heike auf LinkedIn: www.linkedin.com/in/heikehaasHier kannst du Heikes Lyrikband, über den sie im Interview spricht, kaufen: holvi.com/shop/waschatelier/section/bucher
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Franziska:
Liebe Heike, wie schön dass du heute im Portfolio-Podcast zu Gast bist. Ich freue mich sehr dass du da bist.Heike:
Ich freue mich mega. Bin schon ein bisschen aufgeregt.Franziska:
Ich auch, ich bin auch jedes Mal bei den Interviews so ein bisschen aufgeregt. Kannst du so zum Start dich vielleicht mal kurz vorstellen für alle die, die dich noch nicht kennen?Heike:
Ja, na klar. Ich bin Heike Haas aus München. Ich bin Graphic Recorderin und Lyrikerin und Sachbuchautorin. Und vielleicht auch noch ein paar andere Sachen mehr. Aber das sind so, glaube ich, die Schwerpunkte bei mir. Und auf Instagram findet man mich unter @Waschatelier oder @FigurenausderHuefte.Franziska:
Du hast es ja gerade schon gesagt, du bist Graphic Recorderin, Sachbuchautorin und Lyrikerin. Wer bist du denn in diesen jeweiligen kreativen Identitäten? Das heißt also, wie unterscheidet sich Heike, je nachdem, welchen Hut sie auf hat?Heike:
Das ist eine sehr gute Frage, weil damit befasse ich mich natürlich auch ... mehr oder weniger täglich. Als Graphic Recorderin zeichne ich ja live das gesprochene Wort auf Events oder in Strategie-Meetings. Die sind ein bisschen kleiner besetzt. Und da bin ich natürlich sehr fokussiert. Das ist sehr business-lastig, weil ich zeichne vor allem für mittelständische und große Unternehmen.Und da muss man schon auch so ein Standing haben, finde ich, um auch mal zwischen zu grätschen und Zwischenfragen zu stellen und Widerstand zu leisten. Kritische Fragen: also gerade jetzt beim Graphic Recording weniger, aber jetzt beim Graphic Facilitation. Dass man da auch in der Lage ist, kritisch nachzufragen.
Und es sind ja meistens Führungskräfte, die dann zugegen sind sozusagen. Und da muss man dann sich schon auch trauen. Also da bin ich, glaube ich, sehr fokussiert und sachlich und auf den Punkt.
Und als Sachbuchautorin bin ich, also ich schreibe sehr gerne, weil ich komme ursprünglich aus der Germanistik. Ich habe immer schon geschrieben. Und das fällt mir sehr leicht. Texte zu kreieren, fällt mir sehr leicht. Da bin ich, glaube ich, auch sehr fokussiert, aber das ist mehr Tralala.
Also Tralala nicht im Sinne von, ich nehme das nicht ernst, sondern es ist so, glaube ich, eher was, das mir zufliegt und was ich einfach gerne mache. Und das in die Welt hinausschicke. Ich glaube, da fehlt mir dann manchmal so ein bisschen die Disziplin, wenn es dann an die Korrekturen geht. Manchmal würde man die Texte dann lieber nochmal von vorne schreiben.
Und beim Gedichteschreiben bin ich, glaube ich, sehr ich. Sehr Heike. Sehr gefühlvoll. Sehr durchlässig. Transparent. Aber da spiegelt sich auch, glaube ich, meine Stärke im Texte formulieren wieder auf eine andere Art und Weise.
Franziska:
Wie unterscheiden sich denn diese drei kreativen Identitäten wirtschaftlich?Heike:
Wenn wir so ein Tortendiagramm aufzeichnen müssten, dann verdiene ich mit dem Graphic Recording und den Strategiebildern, die auch dazu gehören, am meisten Geld. Das ist mein Brötchenjob, wenn du so willst. Das ist zwar ein sehr kreativer Job, aber damit verdiene ich mein Geld.
Mit den Büchern verdiene ich auch etwas Geld. Ich glaube, mit Sachbüchern verdient man tatsächlich fast noch mehr als mit, würde ich jetzt mal so behaupten, als mit kreativen Büchern oder Belletristik. Wobei ich auch einen sehr guten Verlag habe, muss ich an dieser Stelle sagen, der sehr fair bezahlt und die Bücher verkaufen sich auch gut.Und mit der Lyrik verdiene ich so gut wie gar kein Geld. Ein bisschen was. Aber da merkte ich auch, da liegt der Mehrwert tatsächlich woanders. Ich kann dir ein Beispiel nennen, wenn du möchtest.
Franziska:
Total gerne.Heike:
Mein zweites Buch Figuren aus der Hüfte ist im Sommer/ Herbst 2020, der Corona-Sommer, herausgekommen. Das war ein bisschen schade, aber es war halt eben so.Und im gleichen Jahr wurde ich bei Carlsen angefragt fürs Hamburger Geschichtenbuch, für einen Abdruck von einem Gedicht. Ein Gedicht-Abdruck, weiß ich nicht, da kriegst du ja wirklich ein Apfel und ein Ei für. Aber das Lustige an der Sache war, beide Belegexemplare kamen am gleichen Tag an. Also von meinem Buch kam eine ganze Kiste an mit vielen Büchern und von dem Hamburger Geschichtenbuch kamen auch zwei an.
Und diese zwei Pakete standen bei mir im Wohnzimmer und ich habe die aufgemacht. Ich habe mich natürlich wahnsinnig über mein eigenes Buch gefreut, aber ich habe gemerkt: ich freue mich eigentlich noch mehr über dieses eine Gedicht, das am Ende abgedruckt war zwischen Ringelnatz und Rautenberg. Und dann dachte ich so: Boah, jetzt, Heike. Jetzt kann die Karriere starten ... Ironie aus! Aber es war wirklich, ja, da liegt halt die Freude und dann dachte ich mir: Heike, folge der Freude.
Franziska:
Ja, das ist ein total gutes Motto. Die Freude ist halt total wichtig. Also die Wirtschaftlichkeit ist auch wichtig, aber beides braucht halt gleichzeitig viel Raum. Weil wenn man sich nur, also ich kann da auch nur von mir selbst sprechen, aber wenn ich mich nur auf die Sachen fokussiere, die wirtschaftlich interessant sind, dann geht halt was verloren.Und das, was verloren geht, ist das, was für mich vom Prinzip ganz viel Kraft kreiert, weiter nach vorne zu gehen und weiterhin neugierig zu bleiben und weiter Dinge auszuprobieren.
Heike:
Ja, Ja, genau. Ja, aber da musste ich auch erstmal hin. Also das hat eine Weile gedauert. Also ich mache schon immer Sachen, die mir Freude machen, aber ich hatte einen anderen Blick auf die Dinge früher.Franziska:
Wie hat sich das denn verändert?Heike:
Also ich muss vielleicht dazu sagen, dass bevor ich mich selbstständig gemacht habe, 2015, habe ich als Fernsehredakteurin gearbeitet und in der Gründungsberatung. Und in der Gründungsberatung bist du sehr viel mit Startups unterwegs, die alle tolle Ideen haben und da hieß es immer »Think big« und »eine Idee entsteht im Mund«.Also sobald du sie ausgesprochen hast, die Idee, wird sie auch wahr. Und das habe ich ausprobiert und es war wirklich so.
Und ich dachte dann immer, ich muss groß denken und ich muss vor allem ein passives Einkommen generieren, damit ich überleben kann hier in München, ohne von der Akademie zu kommen. Ich wollte einfach Geld verdienen, ja. Und das hieß für mich einfach Wachsen. Wachsen im Sinne von Reichweite kreieren, Bekanntheitsgrad steigern und Geld verdienen. Und Wachsen bedeutet für mich früher wirklich Geld verdienen, machen, machen, machen, machen, machen.
Und das habe ich auch die ersten Jahre gemacht. Also. Ich habe genetzwerkt wie eine Irre. Ich habe wirklich viele Jobs natürlich auch am Anfang angenommen. Und später dann das erste Atelier, dann ein Riesenatelier mitten in der Münchner Innenstadt.
Also ich meine, das war schon ein bisschen crazy. Ja, aber ich dachte mir, ich muss dieses Ballkleid anprobieren mit diesen schönen Paletten und Glitzer, Glitzer. Und es hat perfekt gesessen. Und in Corona-Zeiten alles digitalisieren und ein Newsletter aufsetzen und bei EloPage Kurse anbieten. Also ich habe echt gedacht, so wird ein Schuh draus.
Und am Ende habe ich gemerkt: Nee, das ist noch nicht so ganz die richtige Richtung für mich.
Franziska:
Gab es einen Grund, der dafür gesorgt hat, dass du sozusagen innegehalten hast und gesagt hast: Okay? Ist das wirklich Erfolg für mich, was ich hier gerade mache?Heike:
Also, es zwei verschiedene Gründe oder vielleicht auch drei. Also ich habe immer so eine leichte Aversion gegen verschiedene Dinge empfunden, die zwar monetär super waren, aber ich habe gemerkt, das stresst mich.Ich hab zum Beispiel für über 200 Führungskräfte weltweit Online-Kurse gegeben. Also wohlgemerkt 200 Leute, die ad hoc in einem Kurs gesessen sind. Und ich habe gemerkt, das ist eine krasse Nummer, aber es hat mich irre gestresst. Ich glaube, ich habe es gut gemacht, aber es hat mich so gestresst, dass ich gemerkt habe, das kann ich nicht weitermachen. Das möchte ich nicht machen.
Und dann habe ich gemerkt, vielleicht kennst du das auch, also meine Sachen sind alle, alles ist so gewachsen. Also die Webseite zum Beispiel, die früher ein Blog war. Alles ist gewachsen und größer geworden.
Alles hat sich aber auch so ein bisschen zerfranst. Und dann habe ich gemerkt, ich möchte eigentlich das noch machen und das noch machen und das noch machen. Vielleicht verzettel ich mich auch ein bisschen und das ist alles viel zu viel. Und ich weiß gar nicht mehr, wohin ich denken soll. Und es wäre gut, mich eben zu verkleinern, also auch gerade was das Atelier angeht, auch um Fixkosten natürlich zu sparen und einfach noch mal um inne zu halten.
Und der dritte Punkt ist, dass ich eine sehr, sehr große private Umwälzung habe derzeit. Mein Mann und ich, wir haben uns nach 30 Jahren getrennt, friedlich voneinander getrennt. Und ich bin ausgezogen und habe das Atelier abgegeben.
Das heißt, alles, was ich jetzt mache, mache ich in einem sehr, sehr kleinen Rahmen. Ich habe kein Arbeitszimmer mehr. Ich habe kein Atelier mehr. Ich habe keinen Garten mehr. Und es ist alles gut, so wie es ist. Und ich glaube, das hilft mir dabei, jetzt herauszufinden, in welche Richtung ich weitergehen möchte.
Franziska:
Manchmal zwingt einen das Leben ja auch, kurz innezuhalten und mal kurz zu schauen, wo stehe ich hier eigentlich gerade und in welche Richtung möchte ich weiterlaufen. Und ich kann das total gut nachvollziehen.Ich hatte ja auch in 2016, 2017... so ein Moment, wo mein Leben, wie ich es mir so aufgebaut hatte, so wie so ein Kartenhaus in sich zusammengefallen ist.
Das war sehr emotional anstrengend und eine echte Achterbahnfahrt. Sehr, sehr traurig. Aber gleichzeitig hat es halt ganz viele neue Räume aufgemacht, die ich mir niemals selbst ausgesucht hätte.Also auf eine gewisse Art und Weise hat das Leben mich gezwungen, dorthin zu gucken. Und in dem Moment fand ich das sehr hart, aber jetzt im Nachhinein bin ich unglaublich dankbar dafür, weil natürlich dadurch Veränderung möglich war.
Heike:
Ja, da sagst du auch was Wahres, aber es gibt auch einige Sachen in meinem Job oder in meinem Leben, als ich noch festangestellt war, wo ich sage: also das würde ich jetzt auch so nicht mehr machen, aber ich habe so viel gelernt und es sind so viele neue Dinge entstanden.Und ich habe natürlich im Internet, die Leute, die mir folgen auf Instagram zum Beispiel, haben natürlich gecheckt, dass da irgendwas los ist.
Ich habe das jetzt auch mal ausformuliert, weil es kann ja auch gesagt werden, dass da was ist. Und das Leben ist nicht einfach. Aber ich bin felsenfester Überzeugung, dass die Dinge an ihrem Platz finden. Und so merke ich das zum Beispiel auch mit der Lyrik. Die Lyrik hat ihren Platz in meinem Leben jetzt wiedergefunden.
Ich habe das als Jugendliche ja schon gemacht, viele Gedichte geschrieben, aber jetzt habe ich auch mehr Raum. Ich habe der Lyrik mehr Raum eingebaut. Das war übrigens auch nach unserem 1 zu 1 Coaching, ich war ja bei dir im 1 zu 1 Coaching, und da hast du ja auch mal so etwas gesagt, dass man dem eben Raum gibt und mal schauen muss, wo liegt die Freude auch in der Arbeit?
Franziska:
Ja, Ja, was mir halt hilft, einfach so als visuelle Metapher, ist, dass alles, was mir Freude bereitet, erstmal grundsätzlich so einen Raum braucht. Und das, was mir Freude macht, ist Bücher machen und das einfach zu befreien von diesem wirtschaftlichen Druck war für mich total wichtig. Dem einen Raum zu schaffen, sozusagen, ich habe so mein kleines Haus und da gibt es halt auch einen Raum für Bücher und dieser Raum, der ist halt einfach frei von diesen wirtschaftlichen Zwängen.Und dadurch kann da aber auch die Freude so vor sich hin blühen und darf auch die Form annehmen, die sie halt annehmen möchte, ohne dass es irgendwelche Zwänge von Außen gibt.
Dass vielleicht auch so als Frage an dich zurück, oder: wie schätzt du das denn ein? Ich würde sagen, es gibt nicht viele Lyriker*innen, die von ihrer Lyrik leben können.
Heike:
Ich glaube, alleine vom Lyrikschreiben kannst du nicht leben. Also da spielt eine Rolle, dass du vielleicht auch in Schulen gehst und Workshops machst oder Lesungen gibst. Ich glaube, von Lesungen kann man dann schon eher leben. Aber ich glaube, es ist total wichtig, etwas zu haben, womit man seine Kunst querfinanzieren kann. Also, dass man Sichtbarkeit schafft in den Bereichen, wo man Geld verdient, auch wenn man sagt: Okay, das möchte ich jetzt nicht die ganze Zeit machen und vielleicht auch nicht, bis ich 65 bin oder so.Aber es hilft ja nichts. Also, weißt du, wenn ich jetzt Geld verdienen würde, nur mit Ausstellungen, weil ich Bilder male, ich glaube, das würde mich irgendwann auch quälen. Also, weißt du, wenn du die Kunst und das Geld so miteinander, wenn die so miteinander verheiratet sind, dass ich sage, ich muss jetzt produzieren, produzieren, produzieren.
Aber so einen Brötchenjob zu haben, wo man sagt: Okay, das kann ich. Da bin ich gut. Da kriege ich mein Geld. Und dann habe ich vielleicht die Möglichkeit, vier Wochen Sommerpause zu machen. Warum? Nicht nur, um am Strand zu liegen, sondern einfach auch, um in die Luft zu starren und neue Inspirationen mir zu holen. Das ist, glaube ich, total wichtig.
Franziska:
Ja, es ist gut für die Kreativität, diese Räume zu haben, diese Freiräume.Heike:
Genau!Franziska:
Du hast das ja eben schon so, so schön formuliert: Kleiner werden, um zu wachsen. Das findet ja bei dir gerade in deinem Leben auf verschiedensten Ebenen statt. Was bedeutet denn Wachsen für dich heute und was hat es vielleicht früher bedeutet?Heike:
Genau, also wachsen, wie ich ja vorhin gesagt habe, bedeutete für mich früher wirklich groß werden. Also mehr Fläche haben, mehr Fläche zu bespielen, mehr Geld zu verdienen. Das alles so flutscht. Vielleicht auch Sachen automatisieren. Und dann habe ich irgendwann gemerkt, das ist eigentlich nicht das Wachstum, das ich möchte.Und ich habe auch festgestellt, ich hätte, glaube ich, wirklich noch mehr wachsen können. Also ich hatte eine Zeit, da hab ich dann so viel reingegeben in mein Business, dass ich gemerkt habe, ich kann alleine nicht mehr alles schaffen. Ich bräuchte eigentlich eine Assistenz oder ich bräuchte jemanden, der mir zuarbeitet.
Und dann habe ich gemerkt. Das bin ich nicht. Ich bin auch nicht jemand, der ein Unternehmen gründet, ja. Also das bin ich überhaupt nicht. Ich bin letztes Jahr 50 geworden. Das war so eine magische Grenze. Und ich habe auch das Gefühl, es verändert sich was in mir, in meinem Körper, in meinem Denken und in meiner Haltung.
Für mich ist Wachstum jetzt eigentlich eher: an meinen Ideen wachsen. Meine Ziele klarer zu formulieren und zu verfolgen. Und Wachstum bedeutet für mich dann auch, wenn ich eingeladen werde, zum Beispiel ins Lyrikkabinett in München, um zu lesen. Da kriege ich kein Geld dafür, ja. Und es kommt kein Fernsehen. Also weißt du, was ich meine.
Aber das ist mein Wachstum: mich da hinzusetzen, meine eigenen Sachen vorzulesen. Das ist mein Wachstum. Und es klingt jetzt vielleicht ein bisschen pathetisch und einfach, aber: Geld muss trotzdem verdient werden. Also das will ich nur mal ganz klar sagen. Also ich bin jetzt hier nicht in meiner Dachkammer und schreibe nur Gedichte und lebe von Brot und Wein oder Brot und Wasser.
Ich arbeite auch viel, um mein Geld zu verdienen. Aber das Wachstum findet, glaube ich, auf einer anderen Ebene statt mittlerweile. Was ist denn für dich Wachstum, Fraenzi?
Franziska:
So beim Zuhören eben habe ich gemerkt: Ja, da merke ich so, deine Beobachtungen decken sich mit meinen. Und ich kann von mir selbst sagen, dass ich sehr viele Jahre so großen Zielen hinterhergerannt bin, also sehr leistungsorientiert war und mich auch sehr an diesen externen Ergebnissen gemessen habe und das hat sich verändert. So in den letzten zehn Jahren.Und ich glaube, es hatte mehrere Gründe, warum sich das verändert hat. Einmal, weil ich halt nicht anders konnte, weil mein Leben sich einfach verändert hat. Weil das Leben mich auf eine gewisse Art und Weise gezwungen hat, mich so einfach mal umzuschauen und mich zu fragen, was möchtest du denn? Was ist denn wirklich wichtig für dich, damit du zufrieden bist?
Und dann ist mir auch irgendwann, das spielt ja auch mit rein, irgendwann aufgefallen, dass ich ... ich habe ja diverse Dinge auf meiner Zieleliste erreicht. Ich durfte halt, so wie du auch, an diverse Dinge einen Haken dran machen. Und dann habe ich aber irgendwann so beobachtet, dass ich habe mich gefühlt wie so ein Hase, der die ganze Zeit hinter so einer Mohrrübe herrennt und immer wenn ich die Mohrrübe greifen konnte und auch in der Hand hatte, hat die Mohrrübe an Bedeutung verloren.
Und es ploppte eine neue Mohrrübe ungefähr 100 Meter vor mir auf. Und nachdem sich das so ein paar Mal wiederholt hat, habe ich gemerkt: Das ist halt so ein ewiges Spiel. Du wirst halt nie ankommen. Es wird sich nie so anfühlen wie: Jetzt habe ich es geschafft. Weil immer wieder so eine neue Mohrrübe aufploppt. Und das ist, glaube ich, einfach so die Natur der Sache bei externer Bestätigung von Außen, also wenn man es sich über Leistung definiert.
Heike:
Das glaube ich auch und das kann ich total nachvollziehen, weil mein Wunsch war immer ein Buch zu schreiben. Als ich klein war, wollte ich Schriftstellerin werden. Ich habe jetzt echt einen riesen Umweg gebraucht, um das erste Buch zu schreiben. Und ich hätte natürlich nie gedacht, dass es so ein Buch wird, zum Thema Flipchart-Gestaltung. Und natürlich möchte ich gerne mal noch ein »richtiges« Buch schreiben, also im Sinne von mit einem Hardcover und mit Gedichten drin oder Illustrationen von mir oder einer Geschichte von mir.
Aber nichtsdestotrotz bin ich mega stolz auf diese Mohrrübe. Aber du hast recht. Man hatte sie dann. Man hat einmal reingebissen vielleicht. Und dann dachte mir: Oh, da hinten ist ja noch eine andere Mohrrübe.Franziska:
Ja,Heike:
Ja, das stimmt.Franziska:
Also ich habe dann irgendwann gemerkt so, ich möchte das ändern, weil sich das, was macht mich nicht froh. Ich bin in so einer Dauerschleife von Mohrrübe greifen und neue Mohrrübe entdecken und wieder losrennen.Und ich habe auch Unterstützung von Außen bekommen. Also ich hatte auch einfach Menschen in meinem Leben, die mir das zurückgespiegelt haben und gemeint haben: Ich finde das echt anstrengend, was du machst. Und ich finde das doof. Also immer ist was Neues wichtig. Immer ist das nächste Ziel wichtig. Ja. Das war nicht so leicht auszuhalten, das zu hören, aber ich habe dann irgendwann gemerkt, ja, es stimmt, aber...
Und gleichzeitig nach, also mit der Entscheidung dann irgendwann zu sagen: Okay, mir ist das wichtig, also meine Bücher sind mir auch total wichtig, ich bin total stolz auf meine Bücher.
Heike:
Mhm, na klar.Franziska:
so. Aber ich habe gemerkt, dass wenn ich mich frei mache von dieser Bestätigung von Außen, dann respektiere ich die auch mehr.Heike:
Ja und Dann respektierst du auch mehr, was du selber tust.Und ich glaube, man spricht ja ganz oft vom Buch-Babys. Und es ist, glaube ich, mit den Buch-Babys genauso wie mit den richtigen Kindern im Leben. Die muss man irgendwann einfach loslassen. Und ich glaube, so ist das eben mit den Büchern auch.
Man schreibt sie und Loslassen im Sinne von: sich auch mal hinsetzen und sich selber auf die Schulter klopfen und sagen: Boah, das hast du jetzt echt gut gemacht. Du hast ein Buch geschrieben, hey.
Aber mir fällt auch noch was anderes ein. Ich habe letztes Jahr auch eine ganz harte Entscheidung treffen müssen, um weiterzukommen. Jetzt kommt es. Ich habe seit mehreren Jahren auf den Buchmessen, sage ich mal, bin ich umhergewandert und habe meine Kindergedichte an den Mann gebracht, bis ich endlich einen Verlag hatte, der mit mir ein Buch machen will.
Ein Kindergedichtbuch. Und ich hatte auch einen Vertrag und den Vertrag habe ich auch unterschrieben. Und ich habe aber festgestellt, i ch soviel in meinem Leben gerade erledigen muss ... Also kannst du dir ja vorstellen. Ich muss wahnsinnig viel erledigen. Sehr viel loslassen. Und ich habe mir gedacht, in diesem Fall »Kill your darling«, also musste ich auch dieses Buch-Baby loslassen. Also ich bin zurückgetreten von dem Verlagsvertrag.
Und du kannst dir vorstellen, wie schwierig das war. Und ich erzähle es deswegen, weil es vielleicht den einen oder anderen oder die einen oder andere auch hoffnungsvoll macht, dass es eben solche Situationen auch gibt. Also ich will es jetzt nicht Scheitern nennen, aber ein noch mal Zurücktreten, drei Schritte zurück machen, um vielleicht dann wieder im nächsten Jahr fünf nach vorne zu machen. Das hat mich schon zurückgeworfen, aber es hat mich auch erleichtert.
Franziska:
Ja, ich kann das total nachvollziehen, weil ich habe echt viele große Pläne und Ziele auf meiner To-Do-Liste und muss dieses Jahr, für mich fühlt sich das an, dass dieses Jahr für mich so das Jahr ist, wo es um ... was ist das richtige Wort dafür ... um eine langsamere Geschwindigkeit geht.Also um die Erlaubnis geht, dass ich langsamer sein darf. Weil ich halt auch so merke, ich könnte das jetzt alles so durchdrücken, aber ich glaube auch ganz fest daran, dass: Erstens gibt es so eine gewisse Reihenfolge. Bestimmte Sachen müssen in einer bestimmten Reihenfolge stattfinden. Und die brauchen halt einfach ihre Zeit. Und dann ist es auch so, dass manche Dinge auch erst wachsen möchten.
Die sind vielleicht einfach noch nicht da, wo sie sein müssten, damit es wirklich losgeht. Und ich merke halt auch so, ich habe jetzt mehrere Sachen schon auf meine To-Do-Liste draufgeschrieben und wieder runtergenommen und gesagt: Ich glaube, das findet erst 2025, vielleicht auch erst 2026 statt. Und ich kann es gerade nicht sagen, aber ich packe es hier mal neben meine To-Do-Liste, damit es nicht verloren geht. Aber ich weiß einfach, gerade ist kein Raum dafür.
Und vielleicht ist es auch so ein bisschen so eine positive Sache, die mit dem Älterwerden kommt. Ich merke halt, dass ich einfach netter zu mir sein will. Ich will mich halt nicht mehr so durchpeitschen und Nächte durcharbeiten und mich einfach mit so einer Kraftanstrengung zu irgendwas nötigen.
Ich merke auch so, ich möchte einfach ein schönes Leben haben, trotzdem noch Zeit haben, spazieren zu gehen. Und wenn ich das möchte, dann kann ich nicht alles gleichzeitig machen.
Heike:
Nein, kannst du nicht und du musst tatsächlich freundlich zu dir sein, das ist wirklich total wichtig. Ich arbeite sehr viel mit dem guten Plan, also diesem Kalenderbuch und schreibe da auch Anfang des Jahres immer rein, was ich für Ziele und Wünsche habe. Und in den letzten Jahren habe ich da vorne reingeschrieben, was ich für berufliche Ziele und Wünsche habe.Ich habe eigentlich nie private Wünsche und Ziele reingeschrieben. Dieses Jahr habe ich das gemacht, weil ich mir denke: Es gibt doch noch was anderes.
Und ich bin momentan wahnsinnig langsam. Früher war ich wirklich sehr, sehr schnell und ich bin wahnsinnig langsam. Das kann auch an hormonellen Umstellungen liegen. Aber es liegt natürlich auch vor allem an der Situation, in der ich mich gerade befinde. Und ich muss dir ganz ehrlich sagen, es hat mir wahnsinnig gut getan, dass ich mich selbst so gebremst habe.
Franziska:
Wie ist denn das mit der Langsamkeit und deinen Graphic Recordings? Merkst du da einen Unterschied? Machst du weniger oder brauchst du auch in diesen Momenten, wenn du dann da vor Ort bist, mehr Zeit? Merkst du da irgendeine Veränderung?Heike:
Ich glaube, das Graphic Recording ist mir früher ein bisschen leichter gefallen, aber ich glaube, das liegt tatsächlich am Alter. Es ist ein Unterschied, ob du das mit 40 machst oder mit 50. Also für mich ist es ein Unterschied. Nichtsdestotrotz mache ich es noch mit der gleichen Leidenschaft und vielleicht sogar mit mehr Akribie.Was ich ganz interessant fand, war, dass meine Auftragslage im letzten Jahr nicht so gut war. Es hat gereicht. Es war aber nicht so gut. Und ich war sehr dankbar dafür, weil ich einfach nicht so viel Energie hatte, weil ich mich eben mit anderen Sachen beschäftigt habe und mich beschäftigen musste. Dieses Jahr habe ich eine immens gute Auftragslage ... auf Holz geklopft ... Und ich versuche aber meine, diese Wellen ... also du weißt ja als Selbstständig*er. Da kommt eine Welle, von der du vorher noch nichts geahnt und gewusst hast. Aber dass du zwischendurch wirklich eine Phase einplanst, um dich zu erholen.
Das ist total wichtig und das sage ich auch jungen Kolleg*innen und Kollegen: wenn du das Gefühl hast, du rast selber an dir vorbei. Du überholst dich selber. Mach dir einen roten Block in deinen Kalender rein, damit du weißt: Okay, der rote Block sagt dir, die Frau Haas ist der Meinung, an diesem Tag musst du irgendwas für dich tun.
Schwimmen gehen, nicht nur spazieren gehen. Wirklich was aktiv machen. In die Sauna gehen. Irgendwas, was dir ja wirklich Power gibt. ... ich fokussiert. Ich versuche bloß, wie gesagt, mehr Pausen auch einzubauen, weil ich die brauche momentan, weil sonst mein Hirn, glaube ich, ... auf Off schaltet.
Franziska:
Ja, ja, ich frage so ganz bewusst, weil während meiner Krise 2016, 2017 habe ich eine total interessante Beobachtung gemacht und mich würde interessieren, ob du vielleicht Parallelen entdecken kannst bei dir.
Weil ich hatte da auch so ein paar Wochen, wo ich einfach nicht arbeiten konnte. Es ging mir einfach nicht gut. Und ich habe vom Prinzip den ganzen Tag irgendwo rumgesessen, die Decke angestarrt und nichts gemacht, weil ich einfach nicht konnte.Ich hatte aber trotzdem Aufträge und irgendwann wurde es dann auch so ein bisschen eng. Und dann habe ich mich wirklich so aufgerafft und abends... so 15, 20 Minuten das Minimum gemacht von dem, was ich machen muss.
Wenn es mir normal gut gegangen wäre oder wenn ich fit gewesen wäre, hätte ich da Stunden für investiert. Aber ich habe dann echt so in 15 Minuten, also ganz schnell ... das absolute Minimum ... Und habe wirklich auch Angst gehabt. Und es ist gar nichts passiert. Und es ist nichts passiert. Die Leute waren trotzdem zufrieden.
Ich habe die Aufträge trotzdem fertig bekommen. Und da habe ich dann so gedacht, hä? Also ganz ehrlich, normalerweise hätte ich ...
Heike:
Geht auch anders.Franziska:
... ganz viel Zeit dafür investiert. Und jetzt habe ich das in einem Bruchteil der Zeit geschafft. Und es hat niemanden gestört oder alle waren trotzdem gleichermaßen zufrieden.Vielleicht wären sie ansonsten noch ein bisschen happier gewesen, noch ein bisschen glücklicher. Aber wir waren glücklich genug. genug.
Heike:
Also ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich, glaube ich, meine Arbeit relativ genauso mache, wie ich sie vorher auch gemacht habe, Also ich glaube, wenn du als Graphic Recorder arbeitest, dann hast du einfach ja keine Möglichkeit, Sachen schneller zu erledigen. Also du bist ja eh schon schnell.Franziska:
Ja, das stimmt.Heike:
Aber wenn du vor Ort bist und du bist gebucht von 9 Uhr morgens bis 5 Uhr abends und du zeichnest am Papier mit, dann zeichnest du halt am Papier mit.Aber ich bin zum Beispiel langsamer in Angebotserstellungen momentan oder in Rechnungsstellungen, weil mein Leben ist halt momentan einfach ein bisschen auf dem Kopf. Und ich reagiere manchmal nicht so schnell auf Kund*innen-E-Mails, wie ich das früher gemacht habe. Da kommt dann schon mal eine E-Mail: Hast du meine E-Mail bekommen? Und dann sage ich: Sorry!
Und schöne Grüße an alle Kundinnen und Kunden an dieser Stelle. Sie befinden sich in guten Händen bei Frau Haas.
Franziska:
Ja, ich könnte mir sogar vorstellen, dass, wenn dann jemand mal schreibt so, hast du mal eine E-Mail bekommen, dann fällt das schon auf wahrscheinlich, dass du gerade nicht geantwortet hast. Aber es passiert wahrscheinlich ja auch nichts. Und so ist ja auch nicht schlimm, wenn man nicht sofort innerhalb von 24 Stunden antwortet.Es ist ja so ein bisschen der Geist unserer Zeit, dass wir alle so hinter uns so einen Antreiber haben mit so einer kleinen Peitsche, der sagt: So, schneller, schneller! Du musst die E-Mail beantworten innerhalb von 24 Stunden. Und das stimmt ja gar nicht. Also die Welt geht ja nicht unter, wenn man dafür ein bisschen länger braucht.
Heike:
Ja, das stimmt. Also ich merke halt nur an mir, dass ich früher schneller geantwortet habe und dass ich einfach besser wusste, was jetzt als nächstes zu tun ist. Da glaube ich, bin ich einfach langsamer momentan, weil mein Hirn hinkt noch ein bisschen hinterher. Ich bin mit allem schon ein bisschen langsamer.Franziska:
Das hat ja auch gerade auch ganz schön viel zu tun mit ganz schön viel Veränderung.Heike:
Ja, also angefangen natürlich mit Atelier ausräumen und Atelier leeren und was halt damit so zusammenhängt und ja und dann natürlich das alte Leben verlassen und ein neues Leben alleine. Das ist alles anders, alles neu und es hat natürlich auch Auswirkungen aufs Berufsleben.Franziska:
Du hast es ja vorhin beschrieben, dass du zu Beginn deines Berufslebens so mit Startups gearbeitet hast und dass es da auch darum ging, groß zu denken und große Visionen auszusprechen. Hat sich da bei dir auch was verändert? Machst du das jetzt anders? Denkst du jetzt anders groß oder probierst du Dinge anders aus?Heike:
Dieses »Think big« fand ich am Anfang total faszinierend. Und mittlerweile denke ich mir nur so: Bullshit. Weil ich würde jetzt etwas ganz anderes proklamieren. Ich würde proklamieren: Setz dir einfach ein kleines Ziel.Und wenn du es erreicht hast, dann freu dich. Freu dich. Setz dich hin. Klopf dir auf die Schulter. Und freu dich, dass du dieses kleine Ziel erreicht hast. Und dann setz dir ein neues kleines Ziel und freu dich einfach über diese kleinen Dinge.
Es muss doch nicht immer alles riesengroß sein. Das muss es nicht. Das habe ich gelernt.
Und ich weiß jetzt nicht, ob ich das vorhin schon erwähnt hatte, aber wirklich die Sache, mit dem die Idee entsteht im Mund, das habe ich mitgenommen.Wenn du etwas ganz Bestimmtes machen möchtest und eine Idee hast, dann sprich’ sie aus. Sprich’ sie laut vor Leuten aus, weil dann wird sie wirklich wahr. Das klingt jetzt pathetisch und vielleicht ein bisschen zu spirituell, aber kleines Beispiel:
Du bist auf einer Party, wo du viele Leute noch nicht kennst. Und dann kommt jemand auf dich zu. Der heißt eigentlich, sage ich mal, Peter. Der stellt sich aber bei dir vor mit, ich bin der Pit. Du wirst diesen Menschen immer mit Pit in Verbindung bringen. Also das ist bei dir sofort abgespeichert.
Und wenn du dich jetzt zum Beispiel auf einer Party bewegst und es fragt dich jemand nach deinem Beruf. Und du sagst, ich bin freischaffende Künstlerin zum Beispiel. Dann wird derjenige das so abspeichern. Erst mal.
Und deswegen bin ich der Meinung, das stimmt. Ideen entstehen im Mund. Und wenn du sagst: Hör zu. Ich habe die Idee, ich möchte das und das machen. Dann passiert beim anderen im Kopf was.
Das war auch in meiner Selbstständigkeit so. Als ich angefangen habe, 2015, habe ich meinem Freund damals erzählt, einem Freund, einem Bekannten: Ich möchte was mit Flipcharts machen. Also nicht nur Kunst und Zeichnen. Ich möchte was im Business-Bereich mit Flipcharts machen. Und so bin ich an meinen ersten Job gekommen, bei einem sehr großen Energieversorger.
Und warum? Weil wir beim Kaffee darüber gesprochen haben. Und er hatte sich gemerkt: Ach, Heike wollte irgendwas mit Flipchart. Die rufe ich mal an. Ja, also ich glaube, das Wichtige ist wirklich, mal darüber zu sprechen.
Franziska:
Ja, total.Heike:
Das ist, glaube ich, auch das Thema deines Podcasts. Also Portfolio und so weiter. Zusammensitzen und sagen: Ja, du, ich, weiß ich nicht, ich mache Kinderbücher. Oder ich zeichne für Unternehmen. Oder ich mache Wissenschaftsillustrationen.Franziska:
Ich bin total bei dir. Ich kann auch noch ein anderes schönes Beispiel dazu bringen. Das, was du gerade beschrieben hast, das ist wahr, weil andere Menschen merken sich diesen Begriff, mit dem sie Menschen kennenlernen. Und wenn wir uns selbst in den Raum nehmen und sagen, ich bin freischaffende Künstlerin, dann merken sich das Menschen.Oder wie dein Freund, der sich gemerkt hat: Heike möchte was mit Flipcharts machen. Und dann ploppt das halt auf.
Gleichzeitig, glaube ich, findet auch noch was anderes statt, wenn man das laut ausspricht. Ich war mit 24 für ein Jahr in Shanghai oder für ein Jahr unterwegs in der Welt und habe davon, Ich habe acht oder neun Monate in Shanghai gelebt und war die Zeit vorbei und ich wollte unbedingt mit der Transsibirischen Eisenbahn zurückfahren. Ich weiß gar nicht mehr so genau warum, aber ich habe mir das irgendwie so in den Kopf gesetzt. Ich hatte aber gleichzeitig fürchterlichen Schiss davor, das alleine zu machen. Und dann habe ich es einfach ganz vielen Menschen erzählt. Und es wäre mir ganz doll unangenehm gewesen, wenn ich es nicht gemacht hätte. Weil ich es einfach so, ich habe es einfach so mit, einfach raus posaunt, ich mache das jetzt und die hätten nachgefragt.
Heike:
Das ist genauso wie, ich habe mit dem Rauchen aufgehört. Wenn du das tausend Leuten erzählst, dann sagen die, wieso rauchst du jetzt wieder so, ja? Also ja, klar, also wirklich drüber sprechen. Und was ich auch noch gelernt habe bei den Startups und bei der Gründungsberatung. Was ich auch heute noch immer Einsätze. Auch beim Fragen, beim Graphic Facilitation. Oder auch, wenn es darum geht, zum Beispiel Freunden zu helfen. Das ist dieses Pitchen.Also es gibt ja diesen Elevator Pitch. Also du brauchst Geld und du triffst deinen Financier im Fahrstuhl und hast genau drei Etagen lang Zeit, dem genau zu erklären, was du machst. Das heißt, du musst auf dem Punkt sein. Du musst es dem so erklären, dass er es sofort versteht, bevor er aussteigt.
Und das finde ich auch total wichtig, wenn zum Beispiel jemand aus meinem Umkreis sagt: Heike, kannst du nicht mal ein bisschen Werbung für mich machen? Ich habe da ein neues Geschäftsmodell und ich würde wahnsinnig gerne Werbung machen. Aber ich checke überhaupt nicht, was bietest du an?
Das muss in einem Satz erklärbar sein. Also wenn jemand mich fragt, was ist denn Graphic Recording, dann sage ich halt: Ja, ich zeichne live das gesprochene Wort. Das rattert dann erst mal beim Gegenüber, der das vielleicht noch nie gehört hat, aber das ist leicht zu verstehen.
Und ich glaube, das ist auch total wichtig, dass man den Leuten das so erklärt, dass sie es verstehen.
In unserer Branche ist es natürlich jetzt einfach, da sagen die meisten: Was, du zeichnest bestimmt Kinderbücher, aber vielleicht gibt es ja auch noch was anderes außer Kinderbüchern. Dass man es einfach dem Gegenüber leicht macht zu verstehen, was man selber tut.
Franziska:
Ja, also sozusagen, wir können zusammenfassen, es gibt diverse gute Gründe dafür, auszusprechen, was man vorhat und was man sich wünscht. Und dann wird es halt auch wahr.Heike:
Ich glaube, es ist aber auch normal, dass man am Anfang einfach sehr viel ausprobiert und erst mal seine Fühler in alle Richtungen ausstreckt. Das hattest du ja auch schon mal im Podcast, so dieses Bauchladenthema. Aber wenn man schon ein bisschen dabei ist und merkt, es franst alles so ein bisschen aus. Und man merkt vielleicht auch: Ich mach zu viel. Dann ist es auch gut, sich mal zurückzuziehen und die Energie zu bündeln und dann vielleicht noch einmal kreativ neu zu explodieren.
Ja, genau.Franziska:
Ja, ich sehe es auch so, dass das ganz oft so ein Prozess ist. Ist ja auch sinnvoll, erst mal so ein paar Sachen auszuprobieren und zu gucken: Liegt mir das? Habe ich da Lust drauf? es wirtschaftlich interessant? Macht es mir Freude? Was leistet es für mich?Heike:
Und es macht neue Türen auf. Das ist vielleicht auch ganz interessant für Menschen, die noch am Anfang stehen. Weißt du, dieses Corona hat mich erst in die Krise getrieben, weil ich hatte da gerade das teure Atelier gemietet und ein Jahr später kam Corona.Was habe ich gemacht? Natürlich digitalisiert, wie alle anderen auch. Online-Live-Kurse angeboten, weil aufnehmen wollte ich es nicht. Und dann kamen halt diese großen Workshops für die großen Firmen. Und ich meine, das ist ja ein irrer Multiplikator. Da sind so viele Leute drin, die dann vielleicht dich auch mal als Graphic Recorder buchen oder so.
Ich will nur sagen, dass es echt super ist, mal so Sachen auszuprobieren, wo man vielleicht auch am Anfang denkt: Nee, möchte ich eigentlich nicht, weil da gehen immer wieder neue Türen auf.
Franziska:
Ich kann mir vorstellen, dass jetzt einige Hörer*nnen sich fragen: Wie zur Hölle ist Heike an diese Workshops reingekommen?Das klingt anstrengend und stressig, aber es klingt ja auch wirklich cool. Wie bist du da hingekommen?
Heike:
Es gibt Kund*innen, die mit mir schon gearbeitet haben und gerade in Corona-Zeiten waren die natürlich auf der Suche nach Online-Kursen und Online-Workshops für ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.Und dann haben die natürlich einfach angefragt und dann musste ich auch erst mal überlegen, so wie kalkuliere ich denn das? Weil im Grunde ist natürlich der Aufwand für mich der gleiche, ob ich jetzt vor 20 Leuten digital online spreche oder vor 200 Leuten. Die Firma spart sich natürlich immens viel Geld.
Also das muss man natürlich auch sagen. Also es ist im Grunde Mundpropaganda und wir haben natürlich auch ein sehr gutes Netzwerk in München und in Deutschland, Graphic Recorderinnen und Graphic Recorder. Und wir schieben uns auch mal Jobs hin und her und dann sagt einer, machst du das?
Oder dann ist es auch manchmal so, dass einer sagt, du, ich würde es machen, aber das ist auf Englisch. Das ist nicht so meins. Möchtest du das machen? Und dann habe ich gesagt, ja, klar, mache ich auf Englisch. Ich kann das auch.
Und dann war natürlich das Setting im Atelier super. Ich hatte tolles Licht. Ich habe mir dann diese ganze Technik gekauft. Ja, und dann habe ich es halt gemacht. Dann kam halt der nächste und noch einer. Und Online-Workshops waren halt damals voll gesucht, gebraucht, nützlich, hilfreich.
Aber ich habe gemerkt und ich glaube, dass dein 1 zu 1 Coaching hat mir da schon auch sehr geholfen. Weil wenn ich mich richtig erinnere, dann hattest du auch so eine Frage so. Was macht dich glücklich oder was darf mehr Raum einnehmen in deinem beruflichen Leben und so weiter. Und das habe ich mir dann schon auch aufgezeichnet.
Ich habe mir das aufgeschrieben, aufgezeichnet, überlegt. Und manche Dinge traut man sich auch gar nicht so auszusprechen oder überhaupt daran zu denken, dass man das vielleicht weglassen könnte, weil es ja einfach monetär einfach richtig gut ist. Aber wenn der Stress zu groß ist, dann muss es was anderes geben.
Und das ist halt das Schöne an der Selbstständigkeit, selber Sachen auszuprobieren. Funktioniert das? Oder nicht? Und sich auch überraschen lassen. Ach, das funktioniert. Das ist ja toll. Die Leute nehmen das an. Das könnte was werden.
Franziska:
Ja, genau. Das Leben kann einen sehr oft positiv überraschen.Sehr gut. So als Abschlussfrage: Du hast es ja eben schon erzählt, wie du zu deinem ersten Graphic Recording Job gekommen bist. Wenn du dich heute noch mal selbstständig machen würdest, also noch mal starten würdest bei Null, was wären deine ersten Schritte ins Graphic Recording?
Weil ich kann mir vorstellen, es interessiert viele.
Heike:
Vielleicht nochmal dazu, wie das überhaupt dazu gekommen ist. Also klar, ich habe die Flipchart-Gestaltung gemacht und habe dann gesehen, Graphic Recording ist im Kommen und es hat mich interessiert. Und nachdem ich auch früher Presse- und Öffentlichkeitsarbeit an der Hochschule gemacht habe, dachte ich mir, das zahlt alles super auf diesen Job ein.Und habe dann einen sehr netten Kollegen getroffen und habe ihm gesagt, dass ich das gerne machen möchte. Und der hat mich dann auch unter seine Fittiche genommen. Allen, die Graphic Recording anfangen wollen, würde ich einfach wirklich auch empfehlen, das zu üben und sich in der Community nicht nur bemerkbar mit Fragen zu machen, sondern auch in die Community was reinzugeben mit einer Expertise, die man vielleicht mitbringt.
Also nicht nur jemanden anpingen und sagen: Du, hilf mir mal. Sondern auch wirklich zeigen, dass man, ja, so eine Eigeninitiative entwickelt und proaktiv ist. Und am besten, wenn man wissen möchte, wie man es übt, am besten jemanden fragen, der in einem Unternehmen arbeitet oder bei einer NGO und sagt: Du, wenn du eine Veranstaltung hast, ich möchte es ausprobieren.
Weil man kann es nur unter, finde ich, unter realen Bedingungen testen, ob man diesen Druck standhalten kann. Die Schnelligkeit, Struktur und so weiter, das ergibt sich alles erst mit den Erfahrungsjahren. Aber diesem Druck standhalten, wenn die Leute dir über die Schulter gucken, das sollte man einfach ausprobieren.
Franziska:
Ja, total guter Tipp. Wie ist dann so dein Eindruck: Graphic Recording ist ja, oder alles was damit zusammenhängt, alles so Live-Zeichnen, Visual Facilitation, Graphic Recording. Das interessiert ja viele, weil es ja doch ein wirtschaftlicher Bereich ist in der Kreativwirtschaft, wo Zeichner*innen auch Geld verdienen können. Ist es zu spät für Leute, die jetzt noch damit anfangen wollen? Ist der Markt schon übersättigt? Weil es machen ja schon sehr, sehr viele.Heike:
Also mittlerweile machen es wirklich sehr viele. Also ich habe 2015 damit angefangen und ich war jetzt nicht eine der Ersten. Aber ich habe in einer Zeit angefangen, wo es wirklich kaum Leute gab. Jetzt machen es viel mehr Leute. Ich würde sagen, natürlich rentiert sich das, anzufangen und es auszuprobieren, ob das auch überhaupt was für einen ist.Aber ich muss sagen: Der Markt wächst. Die Konkurrenz wächst. Man merkt es schon. Und für uns Graphic Recorder ist, glaube ich, wichtig, sind zwei Sachen wichtig, dass die Qualität gehalten wird und dass die Preise nicht verfallen natürlich. Das ist einfach eine hochkonzentrative Leistung. Das muss man schon mal sagen.
Also wenn du den ganzen Tag zeichnest und vor allem am Papier. Also ich bin da abends total am Ende. Und ich weiß es auch von vielen Kolleginnen und Kollegen, es ist einfach anstrengend. Und da ist es einfach wichtig, wirklich Haltung zu zeigen, klar zu kommunizieren, auch Preise klar zu kommunizieren, gut zu verhandeln, Nutzungsrechte einzuplanen, sich nicht drücken zu lassen.
Und es macht auch keinen Sinn, zum Beispiel Rabatte einzuräumen. Also ich habe das auch am Anfang für große Unternehmen gemacht, weil ich dachte: Okay, wäre vielleicht sinnvoll. Aber es interessiert am Ende keinen. Die haben ein Budget und das interessiert am Ende niemanden. Außer du hast vielleicht so ein Drei-Tages-Workshop, dann kannst du sagen, okay, wenn sie mich drei Tage am Stück buchen, dann biete ich hier noch einen Rabatt an. Aber sonst würde ich es nicht machen.
Franziska:
Gute Tipps. Vielen Dank dafür.Heike:
Gerne. IchFranziska:
Vielen, vielen Dank, lieber Heike, dass du dein Wissen hier mit uns geteilt hast und dass du heute hier warst. Es war ein ganz tolles Gespräch.Heike:
Ich freue mich, dass ich da sein konnte. Ich war heute den ganzen Tag schon aufgeregt, dass wir uns treffen und dass ich da sein kann und dass du mich als Gast eingeladen hast. Fühl ich mich sehr geehrt.Franziska:
Ich freue mich sehr, dass du heute hier warst. Dankeschön.
So. Das war das Interview mit der großartigen Lyrikerin, Graphic Recorderin und Sachbuch-Autorin Heike Haas. Was hast du mitgenommen? Was bedeutet Erfolg für dich? Und wie gehst du deine großen Ziele an? Und welche Herzenangelegenheit möchtest du in die Welt bringen. Schlummert in dir auch ganz viel Lyrik– so wie in Heike? Wenn ja, dann schau mal bei Heike auf Instagram vorbei, unter @waschatelier.
Und diskutiere gern zur Frage »Was bedeutet Erfolg?« mit auf Instagram unter @diegutemappe oder auf LinkedIn. Dort findest du mich unter Dr. Franziska Walther.
Zu diesem Interview gibt es was ganz Besonderes: in meinem Newsletter gibt’s noch einen exklusiven, nicht im Podcast veröffentlichten Interview-Ausschnitt. Wenn du weiterhören möchtest, dann meld dich noch bis zum 24. Juli 2024 zu meinem kostenlosen Newletter an.
Und damit wünsche ich dir für heute alles Liebe, wir hören uns wieder nächste Woche, ich freu mich auf dich,
bis dahin, Franziska
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