17. April 2025

#157 | Wie geht achtsames Marketing für Illustrator*innen und Designer*innen? *mit Anna Turner (Teil 01)

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Heute zu Gast im Portfolio-Podcast: Anna Turner, Expertin für achtsames Marketing

 

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Weitere Informationen

 
Du erfährst:

  • Warum du dich nicht »nicht vermarkten« kannst – selbst wenn du es versuchst
  • Was es bedeutet, eine »echte« Marktanalyse zu machen – und wie du endlich aufhörst, alle ansprechen zu wollen
  • Die eine Sache, an der die meisten Positionierungen scheitern – und wie du sie umschiffst
  • Warum der Wunsch »schnell erfolgreich zu sein« oft eher ausbremst als hilft
  • Was achtsames Marketing eigentlich bedeutet – und warum Anna mit dem Begriff Authentizität ein Problem hat
  • Wie Anna ihre Vergangenheit (und das Mama-Werden) nutzt, um ihr Business neu zu denken
  • Was es braucht, damit deine Kund*innen mit einem guten Gefühl buchen – nicht aus Druck
  • Und wir sprechen auch über das, was man nicht so oft hört: Wie sich Annas Sicht auf Erfolg verändert hat. Wie es ist, sich neu zu sortieren. Loszulassen. Prozesse zu schaffen, die tragen – und die mehr sind als nur Produktivität.
  • und so viel mehr

 

Was ist achtsames Marketing?

Achtsames Marketing (engl. Mindful Marketing) ist ein Ansatz im Marketing, der bewusst und ethisch mit Kund*innen, Produkten und der Umwelt umgeht. Es verbindet Prinzipien der Achtsamkeit – wie Aufmerksamkeit, Präsenz, Empathie und Authentizität – mit Marketingstrategien. Ziel ist es, nicht nur Angebote und Produkte zu verkaufen, sondern dabei verantwortungsvoll, transparent und sinnstiftend zu handeln.

 

Marketing machen doch nur die, die nicht mit ihrer Arbeit überzeugen können. Oder nicht?

Ja, ich geb’s zu: Ganz früher dachte ich, Marketing sei etwas, das andere machen. Die lauten Menschen, die mit den Ellenbogen und die, die immer laut schreien: Kaufen Sie jetzt! Aber heute weiß ich: Marketing passiert sowieso. Ob du willst oder nicht. Die Frage ist nur – wie bewusst gehst du es an? Und wie selbstbestimmt gestaltest du dein Marketing.

In dieser Folge spreche ich deshalb mit Anna Turner. Sie ist Marketing-Strategin, Content-Expertin, Sachbuch-Autorin, Mama – und ein Mensch, der sich bewusst gegen leere Versprechen und diese typischen Clickbait-Formulierungen entschieden hat. Dafür aber für Klarheit, für Ehrlichkeit und für wertebasiertes Handeln.
 

Wer ist Anna Turner?

Früher war Anna Reisebloggerin und damit so erfolgreich, dass sie Influencerin wurde. Sie hat als Social Media Managerin gearbeitet, hat sechsstellige Instagram-Accounts für Kund*innen aufgebaut, bis sie sich entschieden hat, vor allem Solo-Selbstständige mit ihrer Arbeit und dem Fokus auf nachhaltige Marketing-Strategien zu beraten.

Heute, im Teil 01 des Interviews reden Anna und ich darüber, warum du dich nicht »nicht vermarkten« kannst – selbst wenn du es versuchst, und warum der Wunsch »schnell erfolgreich zu sein« oft eher ausbremst als hilft.

Wenn du manchmal das Gefühl hast, du musst lauter sein, anders sein, »mehr Marketing« machen – dann lass dich mal überraschen. Vielleicht ist weniger ja genau das, was dich jetzt weiterbringt.
Und damit, let’s go ...
 

Herzlich Willkommen im Portfolio-Podcast

Hier erfährst du, wie du mit deiner kreativen Arbeit mehr Aufträge akquirierst – aber eben auch wie du dafür sorgst, dass dein Herz weiterhin für deine kreative Arbeit brennt – auch mit dem ganzen Brimbamborium, den der Berufsalltag einer kreativen Selbstständigkeit so mit sich bringt.

Ich bin Franziska Walther und jetzt geht’s los mit dem Interview mit der großartigen Anna Turner.
 

[Transkript des Interviews mit Anna Turner]

Annas Website: www.anna-turner.com
Folge Anna auf Instagram: instagram.com/annaturnersocial
Vernetze dich mit Anna auf LinkedIn: linkedin.com/in/annaturnersocial

Hier erfährst du mehr zu Annas Buch »Ausgebucht. Erfolgreiches Online-Marketing für Selbstständige«.
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Franziska:
Anna, du bist Marketing- und Content-Strategin. Wie und womit unterstützt du denn deine Kund*innen? Also was macht eine Marketing- und Content-Strategin?

Anna:
Das ist eine sehr gute Frage. Also sehr viel der strategischen Arbeit ist eigentlich so eine Arbeit, die Leute eher als undankbar empfinden, weil sie nicht direkt Resultate bringt.

Also oft sehen Leute ja im Marketing zum Beispiel, wenn ich jetzt Content erstelle, also Blogartikel, Instagram-Beiträge oder Grafiken gestalte und so weiter. Da sehen die am Ende ein Produkt, das man veröffentlichen kann.

Und die strategische Arbeit führt meistens nicht zu so einem Endprodukt, sondern führt eher zu so Dingen wie einer ausgearbeiteten Zielgruppe, die auch erforscht worden ist.

Die führt zu einer Customer Journey, die man versteht. Die führt zu einer Positionierung.

Und das ist alles für viele Leute, die halt nicht aus dem Marketing kommen, wenig greifbar. Das alles ist aber extrem wichtig, damit dann das Endprodukt, also die Instagram-Beiträge, die Blogartikel, die fertigen Webseiten und alles, was man macht, auch die Angebote, strategisch an das Ziel führen, wo man hin möchte.

Also meine Aufgabe ist es eigentlich, Leuten dabei zu helfen, zu verstehen, erstens einmal, wo möchte ich hin mit meinem Marketing. Auch mit dem Business, weil es überschneidet sich ja immer ein bisschen. Und wie kann ich da hinkommen mit den vielen verschiedenen Möglichkeiten, die es gibt.

Franziska:
Ja, ich glaube, wir machen vom Prinzip ziemlich das Gleiche, oder? Also Positionierung ist ja der Anfang. Und dann geht es darum, wie übersetze ich diese Positionierung in wirksames Marketing.

Im Portfolio-Podcast spreche ich ganz viel über wirksame Akquise, was so ein bisschen was anderes noch einmal ist. Aber ja, da gibt es unglaublich viele Überschneidungen.

Anna:
Genau, ich würde das jetzt als Teilbereich ansehen. Auch in meinem Buch, in dem es ja um strategisches Marketing geht für Selbstständige, habe ich ein ganzes Kapitel dazu gewidmet, um zu erklären, was für verschiedene Kanäle gibt es denn überhaupt, um sich selber zu vermarkten.

Und Marketing wird oft gleichgesetzt mit Online-Marketing. Also mit Social Media, mit SEO, mit diesen ganzen Sachen. Aber für mich zählen auch Weiterempfehlungen dazu. Das ist auch eine Art von Marketing, die man forcieren kann. Die kann auch passiv passieren, aber man kann das auch forcieren zum Beispiel.

Oder Akquise. Das zählt alles zu diesem Überbegriff oder fällt in diesen Marketing-Topf mit rein.

Von dem her glaube ich auch, dass es da viele Überschneidungen gibt, weil du ja auch weißt, dass diese Fundamentarbeit so wichtig ist, damit am Ende das, was man macht, auch zu dem Resultat führen kann, das man sich wünscht.

Franziska:
Ja, du hast recht. Bestimmte Akquise-Kanäle sind Teilaspekte von so einem Gesamt-Marketing-Konzept. Ja, da würde ich voll mitgehen.

Ich glaube, weshalb ich da immer noch so bewusst unterscheide, ist, viele Illustrator*innen und Designer*innen scheuen sich davor, Marketing zu machen. Da gibt es einen großen Widerstand. Und ich glaube, das liegt an verschiedenen Sachen.

Kreative denken oft, dass sie mit ihrer Arbeit überzeugen müssen und nicht mit Marketing.

Und es gibt dann ganz oft so Überzeugungen, dass Marketing nur Menschen machen, die eben nicht mit ihrer Arbeit überzeugen können. Was sagst du denn dazu?

Anna:
Finde ich wahnsinnig spannend. Ich glaube, dass man da noch einmal dieses Verständnis schaffen müsste dafür, was Marketing wirklich bedeutet.

Und ich würde sogar noch einen Schritt weiter gehen und fragen, was es bedeutet, eine Marke zu haben. Weil du brauchst ja vom Prinzip eine Marke, um Marketing zu betreiben.

Und da sehe ich zum Beispiel oft, weil ich arbeite viel mit Selbstständigen, es sind auch manche aus dem Designbereich, manche aber nicht, und ganz oft sehe ich bei Selbstständigen, dass sie glauben, dass sie selber keine Marke brauchen.

Weil sie sagen, Marken sind ja so etwas wie Starbucks, Apple und so weiter. Diese großen Unternehmen, die wir kennen. Oder Kleidungsmarken. Und ich als Selbstständige brauche ja keine Marke.

Aber deine Marke ist ja das, was du nach außen kommunizierst und dein Marketing ist eben der Rahmen, den du dafür schaffst, wie du das Ganze kommunizierst.

Und sobald jemand Dinge bewusst nach außen kommuniziert, betreibt er ja Marketing. Und wenn du sagst: meine Arbeit spricht für sich, dann ... irgendwo werden Leute diese Arbeit ja zu sehen bekommen, sonst kann sie ja gar nicht für sich selber sprechen.

Also sei das jetzt als Portfolio auf deiner Website. Oder als gedrucktes Portfolio. Oder als Instagram-Kanal. Oder was auch immer, wofür du dich entscheidest.

Aber irgendwo musst du diese Arbeit ja zur Schau stellen, damit sie überhaupt ihre Wirkung entfalten kann. Und das alleine ist schon Marketing. Weil das ist eine Entscheidung, das nach außen zu kommunizieren. Und genau, das fällt für mich unter Marketing.

Das heißt, die Leute, die vielleicht dann glauben, dass sie Marketing nicht brauchen, betreiben es eigentlich schon, ohne dass sie wissen, dass das auch Marketing sein kann.

Und da ist dann halt die Frage, wie bewusst geschieht das Ganze? Und wie strategisch geschieht das Ganze? Also mache ich das einfach nur, weil ich glaube, dass ich das machen muss oder dass sich das so gehört?

Oder habe ich mir wirklich Gedanken darüber gemacht, wie ich meine Arbeit präsentiere, worauf ich den Fokus lege. Welche Teilaspekte meiner Arbeit möchte ich nach außen kommunizieren? Wofür will ich wahrgenommen werden? Wer möchte ich sein? Wie möchte ich wahrgenommen werden?

Also diese ganzen Fragen sind Teil der Marketingstrategie.

Franziska:
Ja, und du hast ja vollkommen recht, wenn man sich nicht bewusst entscheidet, kommuniziert man ja trotzdem. Genau. Man kommt ja gar nicht drum herum.

Also ich bin auch ein großer Fan von bewussten Entscheidungen und einer strategischen Aufstellung, weil dann entscheidet man selbst, wer man sein möchte.

Und natürlich geht es nicht darum, sich zu verstellen, sondern auch ehrlich zu zeigen, wer man ist. Aber ich finde schon, dass man da auch sehr ... selbstbestimmt entscheiden darf, wofür man stehen möchte und was man so nach außen kommunizieren möchte.

Anna:
Genau, also oft geht es ja auch darum, bestimmte Dinge, also ich nehme jetzt mal ein Kundenprojekt als Beispiel, hier den Hauptfokus auf einen Aspekt dieses Kundenprojektes zu legen, obwohl man vielleicht ganz viele verschiedene Bereiche abgedeckt hat.

Also ich kenne das aus meinen Agenturzeiten, wo wir für Kund*innen sehr viele verschiedene Dinge gemacht haben, aber zum Beispiel im Portfolio oder als Case Study dann einen Teilbereich rausgenommen haben, wo wir uns halt überlegt haben, der steht dafür, wofür wir bekannt werden wollen.

Und alles andere, was nebenbei gelaufen ist, war trotzdem gut, dass wir das gemacht haben. Und es gehört auch zu unseren Leistungen als Agentur. Aber es war jetzt vielleicht nicht unbedingt das, was ich nach außen kommunizieren wollte oder wovon ich mehr anziehen wollte.

Also ich finde im Marketing ist es immer ganz wichtig, dass man langfristig denkt und sich überlegt, wen möchte ich denn eigentlich als Kunde haben?

Also da sehe ich zum Beispiel bei Leuten, die am Anfang stehen, noch immer eine starke Diskrepanz, dass die halt natürlich alle Projekte annehmen müssen, die sie kriegen können. Ist ja klar, weil man muss ja irgendwie Geld verdienen.

Und dann aber nicht verstehen, dass sie jetzt nicht alle Projekte präsentieren müssen auf ihrer Website oder in ihrem Portfolio. Sondern da wirklich auswählen können: mit wem möchte ich denn in Zukunft mehr arbeiten? Eine bestimmte Branche oder bestimmte Unternehmensgröße?

Zum Beispiel bei mir war irgendwann die Entscheidung, dass ich eigentlich hauptsächlich mit Selbstständigen und Einzelunternehmen arbeiten möchte.

Das heißt, ich habe meine Arbeit für andere Unternehmensformen, die ich auch gemacht habe, für Start-ups, für Großkonzerne, für NGOs und so weiter, die habe ich eigentlich nicht mehr nach außen kommuniziert, weil das ist ja nicht das, was ich in Zukunft anziehen möchte.

Also es geht darum, zu selektieren und zu schauen, welche Aspekte von dem, was ich mache, möchte ich nach außen kommunizieren. Weil ich eben eine bestimmte Art von Kundschaft anziehen möchte oder auf eine bestimmte Art und Weise wahrgenommen werden möchte.

Franziska:
Gerade am Anfang, wenn Menschen mit ihrer Selbstständigkeit starten gibt es ganz oft so eine Überzeugung, dass man alles zeigen muss.

Und dann ist es ja auch so ein bisschen Murphys Law. Dann wird man oft explizit für das beauftragt, was man eigentlich nie wieder machen wollte. Und so nach vier Jahren denkt man sich so: wie zur Hölle bin ich hier hingekommen, dass ich auf einmal nur noch so was mache.

Anna:
Ja, genau. Weil du dann immer mehr solche Sachen in deinem Portfolio zeigst und dann Leute sich das anschauen und sich denken: ah ja, das möchte ich auch haben.

Franziska:
Genau. Und dafür ist es wichtig, bewusst zu entscheiden. Und du hast recht. Genau. Man muss nicht alles zeigen. Ganz im Gegenteil man darf ganz bewusst entscheiden, was mehr werden soll.

Anna:
Ja, und ich finde das auch aus Kundenperspektive wahnsinnig hilfreich. Also mir fällt da jetzt gerade ein, wo du das so erzählt hast: Tattoo-Artists. Also Tätowierer*innen, die ja auch am Anfang wahrscheinlich sehr viele Sachen machen. Also einfach alles, mit dem Leute eben zu ihnen kommen. Und dann irgendwann aber entwickeln sie ihren eigenen Stil.

Ich habe eigentlich die Leute immer danach ausgesucht nach ihrem Stil, weil mir ihr Stil gefällt. Und wenn die jetzt zum Beispiel auf ihrer Instagram-Seite oder auf ihrer Website oder wo auch immer dann plötzlich völlig andere Sachen stehen hätten, dann hätte mich das aus Kundenperspektive eher abgeschreckt. Weil ich buche dich ja, weil ich genau den Stil haben will, den du mir darstellst.

Ist der nicht zu 100% durchgezogen, dann hätte ich die Angst, dass du mir jetzt was anderes gibst, als ich eigentlich haben will.

Also die Selektion ist nicht nur aus unternehmerischer Sicht sinnvoll, sondern auch aus der Kundenperspektive. Weil du genau weißt: ich buche bei dieser Person, weil ich XYZ haben möchte und mich auch darauf verlassen kann, dass ich das dann am Ende bekomme.

Franziska:
Ja, man kreiert Berechenbarkeit und das ist was total Gutes in diesem Kontext.

Anna:
Genau.

Franziska:
Das heißt, wir haben jetzt schon zwei typische Positionierungsfehler: Einmal keine bewusste Selektion im Sinne von: ich zeige einfach alles, weil ich glaube, dass ich alles zeigen muss.

Und dann: wenn man alles zeigt, wird man weniger berechenbar. Und es erzeugt viel weniger Vertrauen im Gegenzug zu: ich zeige ganz bewusst, was mehr werden soll.

Und das erzeugt Vertrauen, weil ich eben auch berechenbarer werde, weil einfach die Menschen wissen, was sie bei mir bekommen.

Was sind denn noch so typische Positionierungsfehler, die du so siehst bei Solo-Selbstständigen?

Anna:
Ich weiß jetzt nicht, ob das so zu 100% auf die Designer*innen-Zielgruppe zutrifft, aber etwas, was ich oft sehe, ist, dass sich Leute versuchen, anhand von irgendwelchen demografischen Merkmalen zu positionieren.

Also, dass sie so was sagen wie: ja, ich bin Mama. Das fällt mir jetzt gerade ein, weil ich halt selber gerade Mama geworden bin. Aber das ist so das klassische Beispiel. So, ich bin Mama und ich mache jetzt Content für Mamas.

Da ist meine erste Frage dann: was heißt es eigentlich, Sachen für Mamas zu machen?

Weil: das ist jetzt ein demografisches Merkmal dieser Person. Aber das steht ja für etwas und genau da wollen wir eigentlich hin. Wofür steht das, wenn man Mama ist?

Das steht einmal im Ersten dafür, dass man einfach sehr wenig Zeit hat. Und das könnte man zum Beispiel als Aspekt rausnehmen und sagen: okay, ich konzentriere mich jetzt nicht unbedingt auf diese demografischen Eigenschaften, z. B., keine Ahnung, ich mache Content für Frauen Mitte 40. Denn was heißt das? Wer sind Frauen Mitte 40? Was haben die alle gemeinsam?

Das ist in den meisten Fällen wenig sinnvoll, weil Frauen Mitte 40 total unterschiedlich sein können. Wenn man jetzt nicht gerade Wechseljahre-Coach ist oder so. Dann macht das vielleicht Sinn.

Aber in den meisten Fällen macht es wenig Sinn, sich eben auf so demografische Merkmale einzuschießen, sondern sich eher zu überlegen, was die Psyche der Leute betrifft oder was die Lebensform der Leute betrifft.

Also in dem Fall, wenn sich jemand entscheidet: ich möchte mit Mamas zusammenarbeiten, dann sollte man sich überlegen, was bedeutet das eigentlich?

Wie leben die? Was haben die für einen Alltag? Und wie kann meine Dienstleistung ihren Alltag ein bisschen leichter machen? Oder für Designer*innen: auch da geht es dann vielleicht darum: okay, möchte man sich auf eine bestimmte Branche konzentrieren? Oder auf eine bestimmte Unternehmensform?

Um sich dann wirklich zu überlegen: was bedeutet das? Was unterscheidet Solo-Selbstständige oder Einzelunternehmer*innen von Großkonzernen, zum Beispiel.

Die haben ja ganz andere Bedürfnisse und andere Voraussetzungen. Das heißt, diese muss ich verstehen und auf die muss ich eingehen.

Weil das einfachste Beispiel ist, dass jetzt ein Solo-Selbstständiger niemals dasselbe Budget haben wird, oder selten dasselbe Budget haben wird, wie ein Großkonzern. Das heißt, ich muss schon einmal meine Angebote anders gestalten, dass die das dann auch wirklich sich leisten können.

Dann haben Solo-Selbstständige vielleicht eher das Bedürfnis, mit einer Vertrauensperson an ganz vielen Dingen zu arbeiten. Also da muss ich vielleicht eher Generalistin sein und sehr viel abdecken, weil die werden wahrscheinlich niemanden nur für ein Flyer-Design buchen, sondern die wollen dann Branding Flyer Website und so weiter.

Ein Großkonzern ist vielleicht eher so, dass die sagen: okay, wir haben da unsere Agentur für das. Wir haben unsere Agentur für was anderes. Du machst jetzt eben nur diesen Flyer und kannst dann halt unser Grafikdesigner für Flyer bleiben die nächsten Jahre. Aber du hast halt nur diese eine konkrete Aufgabe.

Also da muss man einfach verstehen, wenn ich mich positionieren möchte. Das heißt das ja, dass ich in dem Markt eine bestimmte Position, einen bestimmten Platz, einnehmen möchte. Und idealerweise ist es aber ein Platz, der von Leuten auch gebraucht wird.

Das heißt, ich muss mich auch damit beschäftigen, wer meine Zielgruppe ist und was die brauchen.
Um das wirklich zu verstehen und meine Sachen, meine Angebote, meinen Content, mein Marketing wirklich danach zu gestalten, was von Leuten überhaupt gebraucht wird.

Franziska:
Wenn du jetzt Menschen dabei begleitest, wie geht ihr denn da vor?

Anna:
Bei mir läuft es so, dass ich eigentlich, weil ich sehr viel mit Selbstständigen arbeite, meine Angebote so gestaltet habe, dass ich gar nicht viele langfristige Begleitungen mache, sondern punktuelle Begleitungen, weil ich einfach weiß, dass das budgetär eben ein Thema ist. Dass sich viele keine zwölf Wochen Begleitung leisten können.

Das heißt, ich mache sehr viele Einzelberatungsgespräche, wo wir eigentlich punktuell in ein Thema reingehen. Das wird im Vorfeld von mir abgefragt. Also im Vorfeld bekommen Leute, die bei mir buchen, immer Fragebögen und wir klären im Vorfeld einfach ab, was die größten Hürden gerade sind.

Manchmal kann es auch sein, dass sie bestimmte Hürden haben und ich sie dann so ein bisschen in eine andere Richtung bringe, weil ich das Gefühl habe oder herauslesen kann aus dem, was sie mir gegeben haben, dass eigentlich ein anderes Thema noch viel größer ist gerade.

Aber genau. Meistens ist es so, dass wenn Leute zu mir in eine Beratung kommen, dass wir uns eigentlich solche Fundamentsachen anschauen wie eben Positionierung, wie die Customer Journey. Wie buchen Leute eigentlich bei mir? Wie spielen auch meine verschiedenen Marketingkanäle ineinander? Da können wir später vielleicht auch noch ein bisschen drüber sprechen heute, ja, wie man so etwas gestalten kann.

Also bei mir ist es nicht so, dass ich da einen konkreten Fahrplan habe, nachdem alle Kund*innen abgewickelt werden, sondern dass wir da wirklich individuell reinschauen: wo steht jemand. Und von den ganzen vielen verschiedenen Feuern, die gerade brennen, das aktuell Größte und Wichtigste löschen.

Genau, so läuft das bei mir eigentlich ab. Aber wenn ich jetzt mit jemandem praktisch von vorne, also von Null weg, eine Strategie ausarbeiten würde, dann würde ich tatsächlich mit dieser Marktpositionierung und auch ganz viel mit Recherche anfangen. Weil ich glaube, diesen Fehler machen auch manche, dass sie halt glauben, sie positionieren sich, ohne dass sie den Markt kennen.

Du musst ja verstehen, was um dich herum passiert, damit du entscheiden kannst, wie ordne ich mich da ein. Weil deine Positionierung ist ja eine Einordnung. Und du kannst nicht reingehen und sagen: okay, ich bin jetzt die Designerin für nachhaltige von Frauen geführte Unternehmen. Und du hast aber keine Ahnung, was andere Designer*innen machen. Wer das schon abdeckt? Auf welche Art und Weise?

Also ganz viel zu Beginn ist eigentlich nur Marktrecherche. Und Zielgruppenbefragungen. Machen auch viel zu wenige Leute. Interviews mit der Zielgruppe. Um zu verstehen, was die eigentlich brauchen.

Das wäre so das, mit dem ich anfangen würde. Und dann auf das aufbauend kommen die ganzen anderen Sachen.

Franziska:
Das, was ich immer mal wieder beobachte ... ich begleite ja auch Menschen dabei, sich zu positionieren ... ist ... also das ist jetzt meine Beobachtung von außen ... aber für mich sieht das ganz oft so aus, dass es Menschen gibt, die dann denken: es gibt so einen Trick, wie man das macht. So eine Art Abkürzung.

Aber meiner Erfahrung nach gibt es die Abkürzung nicht. Am Ende muss man das halt recherchieren, indem man sich da reinliest, sich Unternehmen anguckt, wirklich so Case-Study-mäßig und einfach versucht, das zu verstehen.

Das ist ein Schritt, der integral dazugehört.

Und um den man leider nicht herumkommt ... ich finde das ja auch spannend, man kann ja total viel lernen. Das ist überhaupt nicht schlimm. Aber es ist natürlich Arbeit. Und um die Arbeit kommt man halt nicht drum herum.

Für mich sieht es manchmal so aus, als ob Menschen dann überrascht sind, wie viel Arbeit das eigentlich ist. Und genau. Danach, wenn die Positionierung einmal steht, dann geht ja die eigentliche Arbeit auch erst los. Dann geht ja die Akquise los oder das Marketing.

Und dann dauert es ja auch ganz oft noch mal sechs Monate, zwölf Monate, je nachdem, auch wo man sich positioniert. Die Märkte sind ja auch unterschiedlich. Auf manchen Märkten geht es schnell. Aber wenn man sehr künstlerisch illustriert, dann dauert das halt einfach länger als zwölf Monate. Das ist total normal.

Und ja, das ist eine emotionale Aufgabe, sich darauf einzulassen.

Die Belohnung kommt sehr viel später. Und das ist ja für Menschen immer sehr schwer, sich auf was einzulassen und Arbeit zu investieren, Aufmerksamkeit und Energie zu investieren. In etwas, wo man nicht sofort belohnt wird.

In einer Welt, in der wir ja heutzutage immer schön schnell belohnt werden mit irgendwelchen Likes und Views.

Also es gibt ja sozusagen das Gegenteil davon, wo es so aussieht, als ob man eigentlich nur irgendwas macht und dann sofort eine Belohnung bekommt – die aber ganz oft keinen Wert hat.

Während so eine Positionierung, wenn sie gut funktioniert, ja einen echten Wert hat. Also es lohnt sich ja wirklich, diese Arbeit zu investieren.

Anna:
Ja, ich habe mir das gerade so visuell vorgestellt, wie jemand dann monatelang auf etwas hinarbeitet. Und wie dann die eigene Motivation ja auch irgendwann einen absoluten Tiefpunkt bekommt, wenn du jetzt nach sechs, sieben Monaten noch immer nicht das Gefühl hast, dass das funktioniert.

Oder du eben noch immer nicht diese Belohnung oder ein Ergebnis bekommen hast. Das ist wahnsinnig schwierig, sich da weiterhin zu motivieren und weiterhin auch das Vertrauen zu haben, dass es am Ende klappen wird. Oder?

Findest du nicht, dass das schwierig ist, das auch zu verkaufen?

Also meiner Erfahrung nach ist es schon so, dass Leute gern diesen Shortcut, gerne die Abkürzung haben. Und diese viele Vorarbeit, weil sie halt am Ende nicht dieses feste Produkt dann haben, ist wahnsinnig schwer, das Leuten zu verkaufen, oder?

Wie ist da deine Erfahrung?

Franziska:
Ja, ja, ich habe ja ein Online-Programm, in dem ich Illustrator*innen und Designer*innen dabei unterstütze, sich zu positionieren.

Und ich habe mich auch aus diesem Grund entschieden, das Programm aufzumachen. Und im Moment dürfen alle Leute, die jemals gebucht haben, immer zu den Live-Terminen dazukommen und ihre Fragen stellen. Auch noch nach zwei Jahren.

Weil ich gemerkt habe, dass das so hilft.

Um nicht den Mut zu verlieren, sondern immer wieder sich noch mal ablegen zu können, eine Frage stellen zu können und dann weiterzumachen.

Und was total schön ist ... das ist sozusagen die andere Seite davon ... ist, dass natürlich wir dann auch unsere Erfolge feiern können. Die kommen nämlich.

Die kommen halt nur einfach nicht nach zwei Wochen oder nach zwei Monaten. Sondern die kommen dann eben erst nach einer gewissen Weile.

Und das finde ich total schön. Ich merke, dass mir das auch selbst sehr gut tut, weil natürlich freue ich mich auch, wenn dann endlich die Ergebnisse da sind, aber die brauchen eben oft so ein bisschen Zeit. Und Vertrauen in den Prozess.

Anna:
Das ist wahnsinnig schwer. Weil du hast es ja schon angesprochen: weil wir uns halt in einer Welt bewegen, vor allem in der digitalen Welt, wo das eben wenig Platz und wenig Raum findet.

Sondern wo eigentlich immer nur schnelle Erfolge und erfolgreich über Nacht propagiert wird. Und da muss man sich ja auch selber irgendwie an der Nase nehmen und sagen: das ist auch das, was man sich selber mehr anschaut.

Also wenn mir jetzt jemand ein Reel vorspielt und mir zeigt, wie sie sich innerhalb von fünf Jahren einen Account mit 10.000 Followern aufgebaut haben, dann denke ich mir: ja okay, das war jetzt auch eine sehr lange Zeit.

Und wenn mir jemand sagt, die haben das in einem Monat geschafft ... naja natürlich geht dann bei mir alles an. Also die Alarmglocken. Irgendwie im Gehirn. Alles springt darauf an. Und ich denke mir: oh okay, wie hat die das geschafft?

Weil natürlich wollen wir das ja alle irgendwo insgeheim auch. Und da immer dagegen zu halten, also das ist mein Ansatz im Marketing.

Zu sagen: hey. Nachhaltiges Marketing ist zwar langsam, aber es wirkt länger.

Also ich verstehe, dass wir alle schnelle Erfolge haben wollen. Aber genauso schnell kann das auch wieder alles weggehen.

Ich hab das selber viel gesehen. Ich bin ganz lange auch schon im Social-Media-Bereich aktiv. Früher, ganz früher noch als Influencerin. Dann als Social-Media-Managerin. Jetzt als Beraterin.

Also ich habe schon sehr viel gesehen. Viele Branchen. Auch aus verschiedenen Ländern. Also ich habe wirklich eine große Bandbreite an Erfahrungen, weshalb ich mit hundertprozentiger Sicherheit sagen kann, dass wenn Leute schnell erfolgreich werden: ja, das genauso schnell wieder weggehen kann und nicht heißt, dass dann langfristig was daraus gemacht wird.

Sondern das ist dann eine Momentaufnahme. Und im Moment funktioniert das super gut. Aber das kann in sechs Monaten schon wieder ganz anders ausschauen.

Und das ist halt nicht die Art von Selbstständigkeit, die ich mir aufbauen wollen würde. Und auch nicht die Art von Marketing, die ich gerne betreiben würde.

Franziska:
Ja, du hast ja auch eine sehr klare Positionierung und du stehst für achtsames und authentisches Marketing.
Wie genau unterscheidet sich denn achtsames und authentisches Marketing von klassischem Marketing?

Anna:
Mit dem Wort authentisch tue ich mittlerweile sogar ein bisschen schwer. Da können wir dann gerne darüber diskutieren.

Aber ich bleibe jetzt noch mal beim Achtsamkeitsbegriff. Und zwar ist für mich achtsames Marketing nachhaltiges Marketing. Das kann man fast gleichsetzen miteinander.

Dass man langfristig denkt und dass man eben nicht diesen »shiny objects«, also diesen schnellen Gewinnen, nachläuft, sondern Dinge wirklich nachhaltig und auch langsam aufbaut.

Weil diesen Langsamkeitsaspekt finde ich ganz, ganz wichtig. Weil dieser Langsamkeitsaspekt einerseits heißt, gerade für Selbstständige, dass ich es mir selber erlaube, achtsam mit mir umzugehen.

Das finde ich wahnsinnig wichtig, weil wir ja, gerade wenn man zum Beispiel auf Social Media aktiv ist, ja immer in diese Vergleiche reinkommt und immer sieht, wer nicht schon weiter ist als man selber. Wer nicht was besser macht. Und dabei völlig die eigene Lebensrealität vergisst.

Also dieser Achtsamkeitsaspekt beinhaltet auch eine Art von ganzheitliche Sicht, die ja bei Selbstständigen auch das Private mit beinhaltet. Weil du das nie voneinander trennen kannst. Bei Unternehmen ist es ein bisschen anders, aber bei Selbstständigen kannst du nie das Privatleben von der Selbstständigkeit trennen.

Ich sehe das gerade ganz krass, seit ich Mama geworden bin bei mir selber, wie wenig Energie und Zeit ich für die Arbeit jetzt habe, seit ich Mama geworden bin.

Das verändert natürlich alles an meinem Marketing. Das verändert, wie ich mein Marketing betreiben kann und muss.

Und das ist für mich achtsames Marketing. Zu verstehen: was ist meine Lebensrealität? Was sind meine Bedürfnisse? Wie kann ich mein Marketing danach gestalten?

Und dann gleichzeitig aber auch achtsam meiner Zielgruppe gegenüber sein.

Für mich ist achtsames Marketing auch das Gegenteil von toxischem Marketing, also von falschen Versprechungen, von Verknappungen, nur um Verknappung willen.

Ich weiß nicht, ob jeder weiß, was Verknappungen sind, aber das ist, wenn man zum Beispiel sagt, in einem Online-Kurs gibt es begrenzte Plätze, obwohl das gar nicht stimmt.

Oder man kann etwas nur bis zu einem bestimmten Zeitpunkt buchen, obwohl man das eigentlich später auch noch buchen kann. Also das wären einfach falsche, leere Versprechungen.

Verknappungen per se sind nicht schlecht. Die existieren ja auch natürlich. Wie wenn man einen Workshop für zehn Leute macht, dann können den nur zehn Leute buchen.

So etwas gehört für mich auch zu achtsamen Marketing dazu. Also ich möchte jetzt nicht per se Verknappungen schlecht reden.

Aber dieser übertriebene Fokus, um Leute psychologisch zu beeinflussen, fast schon zu manipulieren, etwas zu kaufen, das wird für mich eben in diesen toxischen Marketing-Pool reinfallen.

Und ich habe es schon gesagt. Dieses Wort authentisch. Mit dem tue ich mich mittlerweile ein bisschen schwer. Für mich war authentisch eigentlich immer ... also auch im Zusammenhang mit Selbstständigen habe ich das immer so verstanden, dass man versucht, bei sich selbst zu bleiben und die eigenen Werte, die eigene Persönlichkeit auch mit einbaut.

Mittlerweile zweifle ich aber daran, dass man wirklich authentisch sein kann, weil ja alles inszeniert ist, was du machst.

Also ich weiß nicht, was da deine Meinung dazu ist, aber da hadere ich jetzt ein bisschen, weil du dich ja immer inszenierst, wenn du irgendwas nach außen darstellst. Weil du ja immer entscheidest: was zeige ich und was zeige ich nicht.

Also zu 100 Prozent authentisch geht eigentlich gar nicht.

Franziska:
Da hast du recht. Ich habe ein Buch geschrieben, das heißt: Die gute Mappe. Da geht es darum, wie man ein gutes Portfolio konzipiert und gestaltet, aber eben auch, wie man sich gut positioniert. Und ich habe da ein Modell entwickelt, das heißt: Die kreative Seele mit seinen kreativen Identitäten.

Und da ist es so, dass die kreative Seele das Haus ist, in dem alles stattfindet. Also das Haus bin ich. Da darf alles sein. Auch die Schattenseiten und die unschönen Dinge, die wir alle in uns tragen.

Und die kreativen Identitäten sind klar definierte Räume in diesem Haus, die ich extra dafür einrichte, dass meine Kund*innen genau wissen, was sie dort bekommen.

Das finde ich ein sehr schönes Bild. Und du hast natürlich recht. Also klar, ich entscheide immer, in welchen Raum ich Menschen einlade. Ich entscheide, wie ich diesen Raum gestalte und ausstatte. Und ich entscheide auch, wie ich in diesem Raum auftrete.

Also ich zum Beispiel, ich bin ja Designerin, Illustratorin, Autorin, Podcast-Host. Also ich habe unglaublich viele Hüte auf.

Ich entscheide auch sehr bewusst. Zum Beispiel, ich benutze auch Kleidung, um es mir leichter zu machen, in diese verschiedenen Rollen reinzugehen.

Ich bin natürlich überall die gleiche Person, aber wenn ich als Designerin einen Branding Prozess für eine Universität begleite, trete ich anders auf, als wenn ich auf die Buchmesse fahre.

Das ist einfach eine andere Welt. Die Sprache ist anders. Die Menschen funktionieren anders. Natürlich verhalte ich mich da auch anders.

Und du hast recht. Das sind bewusste Entscheidungen. Inszenierung hat ja schon so eine gewisse negative Konnotation. Ich finde das überhaupt nicht schlimm, sich da bewusst zu entscheiden.

Ich finde, es ist auch respektvoll der anderen Person gegenüber. Und es ist natürlich auch eine Art von ... von Schutz. Ich muss ja auch nicht überall meine ganzen Dreckecken mit hintragen. Also das würde niemand gut finden. Das wäre auch total übergriffig der anderen Person gegenüber.

Das heißt, es ist auch total in Ordnung, bestimmte Facetten von mir an bestimmten Orten zu verstärken und andere Facetten anzupassen. Sozusagen hinten in den Bus zu setzen und zu sagen: du darfst sein, aber hier bitte hinten.

Anna:
Ja, sehe ich eigentlich ganz gleich. Ich glaube, dass vielleicht dieser Begriff der Authentizität dann auch so verstanden werden kann, dass alles, was du zeigst, trotzdem dir entspricht.

Also dass du keine Maske aufsetzt. Dass du dich nicht verstellst. Dass du nicht versuchst, etwas darzustellen, was nicht deiner Realität entspricht. Dann ist es trotzdem authentisch, auch wenn du nicht alles zeigst.

Aber wie gesagt: da bin ich gerade in so einem Prozess. Wahrscheinlich auch deshalb, weil sich für mich ja auch meine Kommunikation, seit diesem Mama-Werden, so wahnsinnig verändert hat. Dass ich gerade auch hinterfrage: wie definiere ich jetzt Authentizität neu?

Weil meine Realität ist jetzt die: normalerweise bin ich auch so wie du, dass ich über meine Kleidung und wie ich auftrete ... also ob ich mich schminke oder nicht schminke ... wie ich halt aussehe ... dass ich das versuche anzupassen, je nachdem welche Rolle ich eben gerade einnehme.

Also wenn ich Vorträge halte, dann sehe ich anders aus, als wenn ich im Hintergrund an meinem eigenen Business arbeite, zum Beispiel im Jogger auf der Couch.

Und ich merke jetzt, als Mama, dass diese Zeit fehlt, zum Beispiel mir die Haare zu waschen, den Blazer anzuziehen und dieses professionelle Bild, das ich eigentlich gerne von mir zeigen würde, zu wahren.

Und da denke ich mir jetzt: okay, wie viel Authentizität verträgt auch meine Arbeit? Also ist das auch in Ordnung, wenn ich dann manchmal völlig ungeschminkt mit Augenringen aufkreuze? Und ich würde dann halt in manchen Situationen jetzt eher Ja sagen als früher. Und das dann einfach als Authentizität beschreiben.

Franziska:
Ich kann mir auch vorstellen, dass du gerade durch so einen Transformationsprozess durchgehst. Also Mutter zu werden ist ja schon einfach auch ein Event im Leben, was wirklich auch dafür sorgt, dass die Identität sich noch mal so ein bisschen umstrukturiert.

Und die einzige, sozusagen vergleichbare Situation, die mir einfallen würde, wären Lebenskrisen, die auch dafür sorgen ... also sozusagen die Schattenseite davon, nicht das Schöne. Sondern schwierige Phasen im Leben ... die auch dafür sorgen, dass sich auch Werte verschieben, zum Beispiel.

Ich bin durch einige Lebenskrisen gegangen, wo ich gemerkt habe, mein Wertesystem hat sich schon nicht komplett umgestülpt, aber sehr verschoben. Und es hat mich zu einem anderen Menschen gemacht. Und ich bin da sehr dankbar für.

Und ja, ich glaube, dass gerade in solchen Phasen ist es ja vielleicht auch manchmal so ... eine Freundin von mir sagt dann immer: ich fühle mich wie so eine Brausetablette. Ich löse mich an den Rändern auf. Eine schöne Metapher.

Anna:
Ja! Das ist ein schönes Bild, weil so ist es tatsächlich.

Aber das stimmt, was du sagst. Ich habe vor der Babypause auch einen Online-Kurs herausgebracht. Den gibt es mittlerweile nicht mehr, aber da war im ersten Modul eine ganze Einheit eben zu diesem Thema Positionierung.

Und eine der ersten Übungen, die die Kursteilnehmer*innen da ausgearbeitet haben, war Peaks and Valleys. Ich weiß nicht, ob dir das was sagt.

Aber da zeichnet man eine Linie, seine Lebenslinie, und zeichnet dann so einschneidende Erlebnisse ein, entweder oberhalb oder unterhalb der Linie. Also entweder waren das sehr positive einschneidende Erlebnisse oder sehr negative einschneidende Erlebnisse.

Und darauf aufbauend dann reflektiert man eben inwiefern diese Wendepunkte, weil das sind ja dann auch Wendepunkte, einen zu dem Menschen gemacht haben, der man heute ist. Mit den ganzen Werten und Erfahrungen und Geschichten, die das Ganze mit sich bringt.

Und ich finde das gerade eben wieder als Selbstständige wahnsinnig wichtig, da auch diese privaten Elemente mit reinzunehmen, weil dich das ja dann auch in deiner Arbeit in eine bestimmte Richtung lenkt.

Weil du zum Beispiel ... vielleicht bewusst Wert auf Zwischenmenschliches und Empathie legst in deiner Arbeit. Weil vielleicht bestimmte Dinge passiert sind in deinem privaten Leben. Oder weil du dich bewusst dafür entscheidest, sehr professionell und clean aufzutreten, weil du das von anderen Dingen trennen möchtest.

Das sind ja alles Entscheidungen, die einen bestimmten Grund haben, den man meistens in der eigenen Lebensgeschichte findet. Also sehr viel dieser Positionierungsarbeit ist ja eigentlich auch Aufarbeitung der eigenen Geschichte.

Und da merke ich jetzt eben gerade bei mir selber: meine Positionierung verändert sich und die ist noch nicht fertig.

Da bin ich gerade mittendrin in diesem Prozess, weil ich eben seit ein bisschen über einem Jahr Mama werde. Ich sage es immer gern, nicht Mama sein, sondern Mama werden. Weil das ist so ein Prozess, der auch sicher nicht mit einem Jahr schon erledigt ist.

Und deswegen verändert sich auch meine Positionierung, meine Kommunikation. Meine Werte haben sich schon doch sehr verschoben.

Und genau das finde ich ganz wichtig, was du da sagst. Dass diese Identität halt natürlich auch beeinflusst, wie man dann in diese verschiedenen Rollen schlüpfen kann, in die man ja schlüpfen muss in seiner Selbstständigkeit.

Franziska:
Ja, also ich verstehe deinen Struggle mit dem Wort Authentizität. Das wird ja auch so ein bisschen überstrapaziert.

Und ich finde, das ist ja so ein bisschen der Zeitgeist. Es gibt dann so ein Wort. Und dann wird das auf einmal so überstrapaziert. Und irgendwann so nach einer gewissen Weile finden wir es alle total doof und können es nicht mehr hören.

Aber so grundsätzlich: was für mich Authentizität bedeutet, ist, sich selbst wirklich gut zu kennen und bewusst entscheiden zu können. Also auch sich nicht selbst so ausgeliefert zu sein im Sinne von: Ich verhalte mich, weil ich mich nicht anders verhalten kann.

Sondern: ich kenne mich sehr, sehr gut. Ich weiß, wofür ich stehe. Und ich kann mich dann bewusst strategisch auch in bestimmten Situationen verhalten. Auf eine Art und Weise, die mir trotzdem entspricht.

Wir Menschen sind ja alle so facettenreich. Wir sind ja nicht nur eine Facette. Also wir sind ja ganz oft total vielfältig. Und deswegen: ich fühle mich auch überhaupt nicht verstellt, wenn ich zu meinen Design-Kund*innen gehe.

Anna:
Genau, eben. Genau, das ist ein Aspekt oder eine Rolle, die du einnimmst. Ich finde auch: dieses Bild, das du vorhin erwähnt hattest, das ich eigentlich auch sehr gerne anwende: dieses Rollenbild oder verschiedene Hüteaufsätzen.

Das finde ich sehr schön, weil man eben mit dieser Rolle ... vielleicht ist das Hüteaufsetzen sogar noch besser, weil Rolle heißt ja, es ist ja auch immer eine Art von Inszenierung oder dass man eine Rolle spielt, aber man spielt das ja nicht. Man ist man selbst, aber man schiebt halt bestimmte Wesenszüge in den Vordergrund und manche in den Hintergrund ... je nachdem welchen Hut man eben gerade aufsetzt.

Und im Arbeitsleben muss das ja auch sein. Weil ja eine gewisse Art von Professionalität auch notwendig ist, um seine Arbeit überhaupt machen zu können.

Also wenn ich jetzt da zum Beispiel an mich denke: ich halte wirklich überhaupt nicht gern live Vorträge. Also auch diese Vorstellung, irgendwo auf der Bühne zu stehen, macht mir wahnsinnig viel Angst. Online geht es noch ein bisschen leichter.

Aber wenn ich jetzt zum Beispiel auf der Bühne stehen würde, dann würde ich da schon in eine professionelle Rolle schlüpfen und diese Angst in den Hintergrund drängen.

Weil ich möchte ja jetzt nicht den Teilnehmer*innen, die von mir was lernen wollen, ständig diese Angst vor Augen führen, die ich aber als Privatperson schon habe.

Also natürlich schiebt man dann bestimmte Sachen in den Vordergrund oder Hintergrund. Und das ist, glaube ich, ein ganz normaler Prozess.

Auch im Privatleben macht man das ja oft. Also als Mama habe ich eine andere Rolle als als Partnerin oder als Freundin und so weiter.

Franziska:
Ja, das ist eine total gute Beobachtung. Und ja, ich war sechs Jahre lang im Vorstand der Illustratoren Organisation. Und was mir da aufgefallen ist, das fand ich eine total spannende Beobachtung.

Mir sind so offizielle Auftritte mit ... was weiß ich ... Politiker*innen, was ja in so einem Berufsverband öfters mal vorkommt, oder auch so unangenehme Gespräche mit Verlagen oder Verwerter*innen, so viel leichter gefallen. Weil ich immer in dieser Rolle als Vorstandsmitglied dort aufgetreten bin. Und das war nicht mehr nur ich.

Es hat so eine gewisse Distanz geschafft. Und hat es so viel leichter gemacht, bestimmte Sachen, die unangenehm waren, auch ganz selbstbewusst zu machen. Die Rolle kann auch total dabei helfen, über den eigenen Schatten zu springen.

Anna:
Weil da, so wie du sagst, die nötige Distanz herrschen kann.

Ich habe gerade das gegenteilige Beispiel erlebt. Wo es sehr, sehr schwer für mich war, in diese Rolle zu schlüpfen. Und zwar war ich vor kurzem eine Woche in den Aufnahmestudios von LinkedIn Learning.

Weil ich einen Online-Kurs für die aufgenommen habe. Das war das erste größere Projekt, das ich seit der Mama-Pause gemacht habe. Und auch das erste Mal, dass ich eine Woche von meiner Tochter weg war. Und ich habe es nicht geschafft, in diese professionelle Rolle zu schlüpfen.

Und ich war sehr verhaftet ... logisch, weil das das erste Mal war. Ich war noch sehr in dieser Mama-Rolle, obwohl ich getrennt war, räumlich auch, von meiner Tochter.

Das war wahnsinnig schwer für mich, da jetzt das wegzuschieben und in diese professionelle Rolle reinzuschlüpfen und eben diese Distanz zu bekommen.

Weil natürlich ... als Lehrende in einem Kurs ja der ganze emotionale Kram, der mit Mama werden mit sich kommt, ja überhaupt keinen Platz hat. Das zu trennen habe ich wahnsinnig schwer gefunden.

Es ist gut, was du sagst: dass es manchmal auch helfen kann, bewusst in eine Rolle reinzuschlüpfen und bewusst ein bisschen Distanz zu schaffen. Weil das Ganze dann vielleicht auch emotional leichter zu verarbeiten ist.

Franziska:
Ja, weil du es gerade erwähnt hast: Hier gehören einige Leute zu, die Mama geworden sind, Mama werden oder sich damit auseinandersetzen, wie das funktioniert mit Elternschaft und Selbstständigkeit. Du hast jetzt schon so ein bisschen davon berichtet.

Wie war das denn für dich? Gab es auch so Sachen, die dich überrascht haben? Hast du dich vorbereitet? Wie hast du das gemacht, dein Mama werden?

Anna:
Ich habe versucht, mich vorzubereiten, insofern dass ich mir bewusst im ersten Jahr nach der Geburt kaum große Projekte vorgenommen habe. Also dieser LinkedIn Learning Kurs war das einzige und größte Projekt in der Zeit.

Und ich habe mir bewusst gesagt, dass im ersten oder sogar in den ersten zwei Jahren jetzt unternehmerisch Stillstand und sogar ... mir fällt jetzt gerade das deutsche Wort nicht ein ... Decline, also das Gegenteil von Wachstum ... also, dass die Zahlen nach unten gehen werden.

Die letzten Jahre ist mein Business sehr gut gewachsen. Dass das jetzt in den nächsten zwei Jahren nicht passieren wird, wahrscheinlich sogar das Gegenteil davon. Also so habe ich mich mental vorbereitet.

Also richtig vorbereiten, finde ich, kann man sich ja auf Mutterschaft auch nicht so gut. Aber ich habe zumindest die Weichen gestellt, dass ich auch die Möglichkeit habe, da mir viel Zeit zu nehmen. Reinzufinden.

Und dass ich nicht gleich vier Wochen nach der Geburt so das nächste große Arbeitsprojekt starten muss.
Was ich, glaube ich, gar nicht erwartet habe, ist, wie sehr sich meine Wertigkeiten in Bezug auf meine Arbeit verändern werden.

Also ich war vor dem Mamawerden schon ein Mensch, der sich sehr stark über die Arbeit definiert hat. Der auch in seiner Arbeit aufgeht. Und ich liebe meine Arbeit nach wie vor, weil ich das wahnsinnig schön finde, andere Selbstständige zu unterstützen und auch Erfolge mit ihnen zu feiern.

Aber! Das große Aber ist: im Vergleich zu der Zeit mit meiner Tochter ist mir das jetzt viel, viel weniger wert. Also es gibt jetzt einfach etwas, was noch viel mehr wert ist.

Und das war am Anfang gar nicht so einfach, da wieder reinzufinden. Weil ich arbeite von daheim aus, also wir haben ein Büro in unserer Wohnung.

Wenn du dann dich hinsetzt an den Schreibtisch und dann im Hintergrund hörst du das Baby im Wohnzimmer lachen oder weinen oder was auch immer. Du hörst einfach das Baby und willst eigentlich in jeder Sekunde, in der du da im Büro sitzt, eigentlich auch im Wohnzimmer sein und eigentlich auch bei dem Baby sein.

Das war spannend. Das geht jetzt mittlerweile leichter. Es sind es schon sechs, sieben Monate, dass ich wieder eingestiegen bin und zumindest vier Stunden am Tag wieder arbeite.

Jetzt geht das schon leichter. Aber so die ersten Monate war das echt ein innerlicher Kampf und so ein innerlicher Zwiespalt, dass ich immer gleichzeitig an zwei Orten sein wollte.

So ein spannendes Learning. Das hätte ich nicht gedacht und ich hätte auch nicht gedacht, dass sich diese Wertigkeiten doch so krass verschieben. Also ein bisschen schon, aber das Ausmaß hat mich selber überrascht.

Franziska:
Hast du denn schon konkrete Dinge beobachten können, die sich jetzt in deiner Selbstständigkeit und in der Art und Weise, wie du arbeitest, geändert haben?

Anna:
Oh, sehr viele. Ja, sehr viele. Also wahrscheinlich die nach außen hin spannendste Veränderung ist bei mir in meinem Content.

Letztens in einem Podcast-Interview hat mir mein Gegenüber sehr schön gespiegelt, was ich eigentlich vor der Schwangerschaft erzählt habe. Und zwar war das, dass dieses Mama-Thema in meinem Content keinen Raum finden wird. Weil bei mir geht es um Content-Strategie.

Da muss ich laut auflachen, weil das ist nicht passiert. Und zwar hat sich mein Content extrem verändert bzw. eigentlich hat sich meine komplette Business-Strategie verändert.

Und zwar habe ich gemerkt: Bis jetzt war ich eigentlich eine große Verfechterin von Solo-Selbstständigkeit.

Weil ich halt auch das Gefühl habe, mit den vielen Tools, die man zur Verfügung hat, über Automationen und so weiter, kann man eigentlich sehr viel alleine abdecken, und eigentlich sein Unternehmen, vielleicht wenn man hin und wieder Freelancer*innen einkauft auf Stundenbasis, im Prinzip komplett alleine führen. Wenn man ein Online-Business führt.

Davon bin ich jetzt als Mama weggekommen, weil ich einfach merke: es geht nicht nur darum, Dinge zu automatisieren. Es geht darum, Verantwortlichkeiten abzugeben.

Diesen Mental Load. Also der Mental Load als Solo-Selbstständige ist schon wahnsinnig hoch. Der Mental Load als Mama, da brauche ich gar nicht anfangen drüber zu reden.

Und diese beiden Mental Loads zusammen sind eigentlich unschaffbar, meiner Meinung nach. Also aus dem aktuellen Stand. Das ändert sich dann vielleicht auch wieder, wenn das Kind älter ist und in den Kindergarten geht, aber mit Kleinkind oder Baby ist das meiner Meinung nach alleine nicht schaffbar.

Das heißt, ich strukturiere mir meine Selbstständigkeit aktuell so um, dass ich nicht mehr alleine für alles verantwortlich bin. Also ich bin gerade in dem Prozess, eine eigene Marke aufzubauen mit dem Namen Creative Content Lab.

Das war früher der Name meines Online-Kurses. Das wird jetzt zu einer eigenen Marke, in der ich mir die Möglichkeit schaffe, andere Expert*innen mit reinzunehmen. Weil bei mir alles, was ich bis jetzt gemacht habe, an mir und an meinem Namen hängt.

Meine Online-Kurse. Die Beratungen sowieso. Klar, Leute buchen Beratungen bei mir. Das wird auch weiterhin der Fall sein. Aber ich sehe keinen Grund, warum jetzt zum Beispiel ein Online-Kurs nicht mit anderen Expertinnen gemeinsam geschaffen werden kann.

Es gibt zum Beispiel Themenbereiche, in die kann ich nicht reingehen weil ich keine Expertin bin.

KI zum Beispiel ist für mich jetzt ein ganz großes Thema. Ist natürlich wahnsinnig relevant und egal, welchen Kurs man jetzt im Marketing schaffen möchte: KI muss ein Thema sein. Ich kann dieses Thema nicht abdecken, weil ich habe die Zeit nicht, zur KI-Expertin zu werden.

Und das war für mich einfach so ein riesengroßes Learning zu verstehen: ja, im Prinzip hat sich alles verändert, dadurch, dass meine Tochter geboren worden ist.

Ich kann mein Business nicht mehr gleich weiterführen, weil sich das zeitlich nicht ausgehen wird.

Ich muss schauen, dass ich in dieser wenigen Zeit, die ich habe, trotzdem qualitativ gute Produkte rausbringen kann. Und das schaffe ich alleine nicht.

Und das schaffe ich auch nicht, wenn ich mir noch so viele VAs und Freelancerinnen reinhole, die Teilaspekte abgeben. Weil ich muss komplette Verantwortungsbereiche abgeben.

Sonst bleibt der Mental Load am Ende immer bei mir und das wird auf Dauer nicht gehen.

Franziska:
Für Designer*innen ist das, glaube ich, auch eine gute Überlegung. Zu schauen, wie kann man gemeinsam stärker werden, Verantwortlichkeiten abgeben und teilen ... oder verteilen. Nicht teilen, sondern verteilen.

Für Illustrator*innen ergibt sich ja immer so ein bisschen die Schwierigkeit. Bei Illustrator*innen ist es ja wirklich so, dass die Person ja die Marke ist.

Man wird gebucht für den Stil und für die Art und Weise, wie man zeichnet. Man kann es auf eine gewisse Art und Weise nicht abgeben. Bis auf Buchhaltung und solche Sachen, die kann man natürlich abgeben. Aber die eigentliche Arbeit macht man halt schon selbst.

Und es ist super schwer, da Strukturen zu entwickeln, dass man sich da entlasten kann. Aber das liegt einfach an dem Beruf.

Anna:
Genau, ich glaube, dass es in bestimmten Berufsformen einfach nicht möglich ist. Und das ist auch in Ordnung.

Aber so wie du das auch schon angesprochen hast, gibt es da dann die Möglichkeit, dass man zumindest das Drumherum versucht, so einfach und entlastend wie möglich zu gestalten.

Und das fängt halt an bei Sachen wie, dass man sich einen guten Workflow fürs Onboarding überlegt, der vielleicht teilweise automatisiert wird ist. Dass man nicht mehr alles selber machen muss.

Oder je nachdem wie die Angebotsgestaltung ist: dass man sich vielleicht mit diesem Thema Productized Services auseinandersetzt, dass nicht mehr jedes Angebot zu 100% individualisiert erstellt wird.

Sondern dass man sich fixe Pakete überlegt, die man dann praktisch puzzleteilmäßig zusammenschieben kann und an Leute verkauft, weil dann einfach diese Vorleistung, bevor man bezahlt wird, geringer ist.

Also dieses Thema Zeit: wie viel Zeit kostet mich meine Arbeit. Das ist bei mir zumindest gerade Hauptthema Nummer eins.

Weil wenn ich mich erinnere, als ich so in die Selbstständigkeit reingerutscht bin ... das war bei mir gar nicht eine bewusste Entscheidung, sondern es ist passiert. 2016, da war ich noch Studentin. Am Ende meines Studiums. Ich habe schon einen Großteil fertig gehabt.

Ich habe so wahnsinnig viel Zeit gehabt für alles. Und da war das völlig egal, wenn ich mal ein paar Stunden mehr gearbeitet habe, für die ich nicht bezahlt worden bin. War egal. Ich habe ja die Zeit gehabt und habe was gelernt dabei.

Genau, wenn ich dann noch keine guten Prozesse und Systeme etabliert gehabt habe, sondern irgendwie meine Rechnungen als Word-Dokument geschrieben habe und dann halt irgendwo abgeheftet habe. Es war völlig egal. Weil die Zeit war ja da.

Jetzt bin ich an einem Punkt, wo ich mir denke, wenn ich nur eine E-Mail mehr manuell schreiben muss, dann werde ich ganz nervös und es zieht sich in mir alles zusammen. Weil ich habe die Zeit nicht. Ich kann diese E-Mail nicht beantworten. Oder halt nur, wenn etwas anderes darunter leidet.

Dann leidet halt immer Zeit mit der Familie oder Zeit für mich, die eh schon nicht existiert. Oder Zeit für meine Gesundheit. Das leidet dann halt immer darunter.

Das heißt, für Leute, deren Arbeit so gestaltet ist, dass sie am Ende die Dienstleistung immer selber ausführen müssen, wo auch keine andere Möglichkeit besteht, Verantwortungen abzugeben, kann man sich trotzdem überlegen: wie kann ich Tools dazu nutzen oder auch eben Freelancer*innen dazu nutzen.

Also wenn jemand, sage ich jetzt mal, eine gute Auftragslage hat und vielleicht auch höherpreisige Aufträge hat, kann sich das durchaus lohnen, dass man sich eine virtuelle Assistentin stundenweise reinholt, die zumindest eben die E-Mails abwickelt oder das Ganze drumherum abwickelt. Oder das Ganze eben über Programme zu automatisieren.

Und das nimmt ja auch schon sehr viel Mental Load.

Was mir wahnsinnig hilft bei Aufgaben, die ich noch immer manuell machen muss, sind SOPs, also Standard Operating Processes, wo man genau definiert, wie läuft was ab.

Also wenn bei mir jemand einen Beratungs-Call bucht, dann gibt es da ganz genaue Schritte. Die gehen jedes Mal gleich. Die sind zu 80% automatisiert, aber 20% muss ich selber machen.

Und da habe ich eine Checkliste für mich selber. Das ist ein bisschen lächerlich, aber da habe ich eine Checkliste, wo ich weiß: das, das, das und das muss ich jetzt bis da und dahin erledigen. Und die kann ich dann selber bei jeder neuen Kundin abhaken.

Weil die Realität ist: wenn ich drei Stunden Schlaf gekriegt habe die letzte Nacht, meine Tochter schreit im Nebenzimmer und ich sitze vor dem Computer und muss jetzt mein Onboarding abwickeln, dann werde ich 50 Prozent davon vergessen, wenn das nicht für mich dasteht. Weil mein Gehirn einfach nicht leistungsfähig ist in dem Moment.

Und da kann man sich zumindest diesen Mental Load selber abnehmen, dass man das einmal durchdefiniert. Und dann nur mehr stupide abhaken muss. Das kriegt man auch mit Schlafmangel hin.

Franziska:
Ja, und das ist ja auch ohne Schlafmangel einfach total hilfreich. Also ich kann dir sagen, ich benutze sehr viele Checklisten.

Zum Beispiel für jede Podcast-Folge habe ich eine Checkliste, die ich einfach durcharbeite. Weil es sind so viele kleine Aufgaben. Ich würde ansonsten ständig irgendwas vergessen.

Und allein die Tatsache, dass ich darüber nachdenken müsste, was ich nicht vergessen darf, würde mich so viel Energie kosten.

Anna:
Ja, genau

Franziska:
Das ist ja genau das. Es ist ein definierter Prozess mit verschiedenen Teilaufgaben, die man dann vielleicht sogar noch terminieren kann oder eine Reihenfolge festlegen kann. Das ist super hilfreich und auch super schnell und leicht eigentlich gemacht. Man muss sich nur einmal hinsetzen und mal überlegen: was mache ich hier eigentlich gerade?

Anna:
Genau. Und ich finde auch, weil du jetzt dieses Energiethema angesprochen hast: ich finde nämlich ... also bei mir ist es zumindest so ... dass Dinge manchmal mehr Energie im Vorfeld kosten als die eigentliche Ausführung.

Also es gibt bestimmte Aufgaben, die stressen mich im Vorfeld sehr, die dann fünf Minuten dauern. Und eigentlich total easy waren in der Ausführung.

Aber eben. Dieser Stress im Vorfeld. Wenn man den reduzieren kann. Weil jeder von uns hat ja jetzt an einem gegebenen Tag nur ein gewisses Level an Energie, das man über diesen Tag verteilt verbrauchen kann.
Und das ist jetzt als Mama, muss man auch ehrlich sagen, von vornherein schon immer niedriger. Also die Energie.

Das war auch so ein falsches Bild, was ich früher immer gehabt habe. Ich habe mir gedacht, dann setze ich mich zum Schreibtisch und dann kann ich halt gleich wie früher arbeiten. Weil ich habe ja dann meine vier Stunden Arbeitszeit.

Aber dass halt die ganzen Dinge, die ich davor schon oder in der Nacht schon gemacht habe, so viel Energie kosten, dass mein Energielevel ja von Haus aus schon einmal mindestens die Hälfte, wenn nicht niedriger ist, als vor dem Baby. Das habe ich überhaupt nicht berücksichtigt.

Das heißt, man muss seine Energie halt schlau verteilen. Und wenn man eben solche Prozesse etabliert und einem einfach diese Denkaufgabe im Vorfeld, die ja Energie kostet, abnehmen kann.

Das Ausführen kostet ja viel weniger Energie als vorher dieses Überlegen: ah, was muss ich jetzt noch mal machen? Und wenn der Podcast aufgenommen ist: wo kommt es jetzt hin? Und wie bezeichne ich dann dieses Video, das abgespeichert wird, damit ich es später wieder finden kann? Dann habe ich es falsch bezeichnet und ärgere mich in zwei Monaten, dass ich das Video nicht mehr finden kann.

Also diese ganzen Sachen sind eigentlich Regeln, die man sich selber aufstellt für sein Business. Die sind ja dazu da, einen langfristig zu entlasten. Und das ist gerade mein Hauptthema Nummer eins. Noch viel mehr Prozesse, noch viel klarere Regeln für meine Arbeit aufzustellen, damit ich einfach den Mental Load in der Arbeit reduzieren kann.

Franziska:
Ja, ja, I feel you.

Ich bin mir ganz sicher, dass jetzt auch einige zuhören und denken so: Man, Franziska, stell doch endlich mal die Instagram-Fragen ... vielleicht können wir da jetzt mal zu kommen.

 
So, das war der erste Teil des Interviews mit der tollen Anna Turner.

Wenn du jetzt gleich mal deine Positionierung überprüfen willst, dann mache gern jetzt den Positionierung-Check, unter www.diegutemappe.de/positionierung.

Der Positionierungs-Check ist ein kostenloses Quiz, das dir die blinden Flecken auf deiner Positionierungs-Landkarte aufzeigt – und dir sofort umsetzbare Schritte zur Verbesserung liefert.

Der Check dauert nur 3 Minuten. Er ist wirklich kostenlos.
 Und du bekommst sofort dein individuelles Ergebnis als tolle Infografik.


Nächste Woche geht’s hier weiter mit Teil 02 des Interviews. Da sprechen Anna und ich über Instagram-Strategien und darüber, was es bedeutet, ein Buch zu schreiben. Und ja: auch im Teil 02 geht’s wieder um Werte, Wirkung und echte Verbindung.
 

Die Frage zum Podcast-Thema

Aber für heute möchte ich dich fragen: Welcher deiner Akquisekanäle bringt dir aktuell am meisten? Am meisten Aufträge. Am meisten Sichtbarkeit. Am meisten echte Verbindungen. Und wenn du jetzt mal auf die anderen Akquisekanäle schaust, die du parallel auch bespielst: Kannst du ggf. ein oder zwei davon weglassen – um Zeit und Ressourcen zu haben, um den einen wirksamen Kanal besser zu bespielen? Wie fühlt sich dieser Gedanke an?

Teile deine Gedanken dazu gerne auf Instagram unter @diegutemappe oder auf LinkedIn. Dort findest du mich unter Dr. Franziska Walther.

Und damit wünsche ich dir für heute alles Liebe,
wir hören uns wieder nächste Woche, ich freu mich auf dich,

bis dahin, Franziska
 

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